Mittwoch, 20. Februar 2019

Türkisch an deutschen Schulen? Warum die eigene "Fremdsprache" sprechen Gold ist





Wozu sollen die Kinder Türkisch lernen? Wir leben doch in Deutschland! Lernt erstmal richtig Deutsch!
(rufen der Böhme, Hanseat, Schwabe, Hesse, Thüringer...)


Thema verfehlt! Setzen: 6! Worum es wirklich geht.

Auf die Frage, wozu 'die Kinder' an deutschen Schulen Türkisch lernen sollen, antworte ich gern spontan mit einer Gegenfrage: Wozu lernen sie Englisch, Spanisch, Latein oder Altgriechisch?
Was ist gerade an toten Sprachen, die kaum ein Mensch beherrscht, besser? Ehe sich in dieser Debatte thematisch völlig verrannt wird, möchte ich auf die Chancen hinweisen, die dieser Ansatz mit sich bringt. Letztlich geht es darum, alle Kinder dort abzuholen, wo sie stehen. Die Herausforderung besteht im Individualunterricht, also in der Organisation, nicht darin, dass Türkischunterricht eine Muslimisierung zu Folge hätte. Das ist Quatsch.

Was nützt Türkischunterricht denn?

Tatsächlich geht es darum, die Mehrsprachigkeit von Kindern mit Migrationshintergrund zu einem Vorteil für ihr späteres Leben zu machen. Meine Neffen in Amerika haben italienische und deutsche Wurzeln, daheim sprechen sie diese beiden Sprachen. Aber in der Schule erleben sie einen Unterricht der vollkommen auf die amerikanische Kultur und Sprache aufbaut. Das nicht in Abrede stellend, denn "sie leben ja in Amerika", wäre es doch toll, wenn es Kultur- & Sprachunterricht in den Sprachen gäbe, die die Kinder von zu Hause mitbringen? Statt Lateinisch echtes Italienisch: inklusive Geschichts - & Kulturhistorischen Unterricht. Viele Türken, Polen, Russen etc. beherrschen ihre Zweitsprache nur bruchstückhaft, wissen wenig über die fantastische Literatur ihrer Herkunftsländer. Manche wiederum sind sehr firm in mehr als 2 Sprachen, ihnen wird aber dennoch abverlangt, 2 weitere Fremdsprachen zu erlernen. Schon Deutsch ist für Viele die erste richtige Fremdsprache - dabei sind sich alle einig, dass das Erlernen einer zweiten Fremdsprache in der Grundschule schwierig ist und für die Kinder 'wenig Vorteile' bringt. Dennoch wird das Kindern, die fast ausschließlich Russisch, Türkisch oder Hessisch babbeln, selbstverständlich abverlangt. Wie viel sie bereits leisten, wird nicht gesehen.

Im amerikanischen Zeugnis meiner Cousins stehen Zensuren für Spanisch und Englisch. Dass die Jungs außerdem Italienisch und Deutsch beherrschen, interessiert niemanden. Und dass sie in Wirklichkeit 3 Fremdsprachen lernen, zusätzlich zur 'Hauptsprache', wird als Lernfaktor völlig außer Acht gelassen. So viele Sprachen beherrschen ist keine Selbstverständlichkeit, da ist viel Hirnschmalz notwendig. Schade, dass die Kinder dafür keinerlei Wertschätzung erfahren. Im Gegenteil.

Genau darum geht es m.E. in der Debatte. Die Kinder dort abholen, wo sie sind. Ihre Fähigkeiten gewinnbringend in ihre Ausbildung einfließen lassen. Ihnen vielleicht sogar einen (gesunden) Stolz und vernünftig - kritischen Blick auf ihre Kultur mit auf den Weg geben.
Wozu ihnen eine tote Sprache aufzwingen, wenn sie eine für unsere bunte Welt viel vorteilhaftere Sprache bereits recht gut sprechen? Es wäre doch viel besser, wenn ein Türke am Ende seiner schulischen Laufbahn Lyrik, Aufsätze und argumentative Analysen in Deutsch und Türkisch beherrscht, was ihm später z.B. als deutsch-türkischer Strafverteidiger sehr helfen wird, als dass er ein paar Sätze französischen Smalltalks in die Menge werfen kann. "E voila, je ne t'aime pas."
Meine Neffen werden am Ende ihrer Schulkarriere 5 Sprachen sprechen.
Auf Papier "zählen" aber erstmal nur 2. Schade.

Es ist schon etwas lächerlich, wenn sich der Deutsche - und das meist nicht auf Hochdeutsch - etwas darauf einbildet, EINE Sprache (einigermaßen) zu beherrschen. Von den Kindern mit Migrationshintergrund wird ungleich mehr erwartet, als von den Kindern aus 'Monokultur'. Einen Denkanstoß in Richtung "Wie können wir dieses Potential für unsere Gesellschaft nutzen" halte ich tatsächlich auch für längst überfällig. Statt die Debatte also zu verwerfen, nur weil es durchaus Bedenken und Komplikationen zu beachten gilt, sollte sie als Chance gesehen werden, unsere Welt offener und den Unterricht fairer zu gestalten.







Fotoquelle: pixabay.com/de/lernen-schule-sprachunterricht-2001847

1 Kommentar:

  1. Ich versuche mir die deutsche Auswandererfamilie (oder im Ausland auf Zeit lebend) vorzustellen, die davon hören, dass in ihrem Gastgeberland die Idee diskutiert wird, z.B. deutschen Mirgantenkindern zu ermöglichen, ihr Deutsch als eine Fremdsprache in der Schule weiterentwickeln zu dürfen - und daraufhin kopfschüttelnd sagen:

    "Wozu sollen meine Kinder ihr Deutsch verbessern? Wir leben doch in XYZ! Sollen die doch erstmal richtig XYZtisch lernen!

    Perspektivwechsel sind oft augenöffnend...

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