Dienstag, 2. Oktober 2018

Der falsche Fokus

foto&text © Ebony Popiolek


Weshalb wir den Fokus auf das Gemeinsame lenken müssen


Jeder existierende und jeder seiner Geburt harrende Mensch erhält mit seinem Recht auf Existenz auch mindestens eine Pflicht. Die Pflicht die Zukunft zu lieben, zu hüten und zu gestalten. Wie ein Kind ist sie unbedingt davon abhängig, dass wir unsere Verantwortung ernst nehmen. Ihr Recht auf Fortdauer geht über das unsere hinaus. Sie ist uns anvertraut, wie wir ihr. Sie ist der Kern des Lebens, denn es gibt und gab kein Leben ohne Zukunft.
In Zeiten, in denen der Konflikt in zunehmendem Maße das soziale Gefüge bestimmt, wird es deshalb um so wichtiger, uns auf das Wesentliche zu besinnen. Überall auf der Welt wird zunehmend der falsche Fokus gesetzt. Rechthaben geht vor Rechtwollen, auf der guten Seite stehen geht vor Gutes tun. Es ist an der Zeit den Blick für das Gemeinsame wieder zu schärfen. Und so unserer Verantwortung gegenüber der Zukunft wieder gerecht zu werden.

Die Debatte entzweit


Die Debatte entzweit mit wachsender Größe. Das ist keine These, sondern eine nüchterne Feststellung mit Blick auf die Entwicklungen unserer Zeit. Je mehr Masse, desto größer die wirkenden Kräfte. Wie Fliehkräfte, die mit zunehmendem Momentum alles nach außen drücken, drücken die großen Debatten heute nach außen: in der Politik, im Alltag, in der Familie. Es ist nicht allein diplomatisches Geschick, das trotz größter Spannungen und Konflikte hier und dort noch für Zusammenhalt sorgt. Es ist die Fähigkeit den Fokus für die verbindenden Elemente stets aufrecht zu halten . Wer es schafft das Gemeinsame inner - oder auch unterhalb der arbeitenden Fliehkräfte zu sehen, es zu benennen, der kann dort - und sei es auf einem noch so kleinen Feld - Konsens finden. Vielleicht sogar Frieden. 

Wir teilen alle denselben Wunsch: Leben


Der Arbeitsmigrant, der auf seiner Suche nach einer besseren Zukunft in unserer Mitte strandet: Geht es ihm nicht wie dem Arbeitslosen? Macht er sich nicht auch Sorgen um die Zeit nach seiner Schaffenskraft? Muss er sich nicht auch um eine Familie kümmern? Lastet nicht auch der Druck gesellschaftlicher Erwartungen auf ihm? Will er das Gefühl anderen eine Last zu sein nicht auch abwerfen? Selbstbestimmt und unabhängig leben? 

Der Fremde, der seine Familie zu sich in die Fremde holt. Geht es ihm nicht wie jedem von uns, wenn wir uns fremd und in der Minderzahl fühlen? Sehnt man sich nicht schon auf einem einzigen Pärchenabend voller Eltern als kinderloser Single nach wenigstens einem anderen Menschen, der dieselbe Sprache spricht, dieselben Themen hat, auf derselben Stufe steht, wie man selbst? Das Gefühl kultureller Fremdheit kennen wir alle, dafür müssen wir nicht erst in den Orient oder in das ferne Asien reisen. Vollkommen unabhängig von unserer Herkunft, sind wir dort, wo wir nicht Zuhause sind, fremd. Immer. Als Rocker auf dem Helene Fischer Konzert. Als Konservativer auf einer Demo von Linksaktivisten. Als Mieter auf einer Konferenz von Wohnungseigentümern. 
Heimat ist ein Wir-Gefühl. 

Wie steht es mit den jungen Migranten, die perspektivlos und mit viel gesellschaftlichem Widerwillen in passiver Reglosigkeit gehalten werden. Die warten müssen. Warten auf was? Ihr Unmut, ihre Rastlosigkeit, ihre sich täglich sinnlos ins Nichts verbrauchende jugendliche Tatkraft - können wir sie nicht nachvollziehen, die Frustration, die Wut, die Hilflosigkeit, die sie empfinden müssen? 
Würden wir uns die Mühe geben, den Fokus auf das Gemeinsame zu lenken, zu sehen, dass Väter und Mütter auch aus den entlegendsten Gegenden auf dieser Welt am Ende im Gros dasselbe für ihre Kinder wollen, wie wir - würden wir dann eine gemeinsame Sprache finden?

Wenn wir die jungen Männer, die auf aller Welt eine Bestimmung suchen, nicht als potentielle Gefährder, sondern als vor Umsetzungsenergie und Willenskraft strotzende Körper sähen, die als ungewollte Migranten gezwungen sind ziel- und richtungslos durch Zeit und Raum zu treiben und dabei - ohne vorgezeichneten Weg - selbstverständlich auf Kollisionskurs geraten: hätten wir dann das Herz, auf sie zuzugehen? Könnten wir Wege finden, die für alle gangbar sind?

Wie würden wir es finden, wenn unsere Söhne auch nur ein einziges Jahr ihres Lebens vergeuden müssten? Wenn wir viel teures Geld in ein Versprechen investierten, das sich nie erfüllt? Wenn wir einsehen müssten, dass unsere Söhne, dass wir, umsonst Strapazen und Entbehrungen auf sich genommen haben: was würden wir als Entschädigung erwarten? Was würden wir sagen?

Ein gefährlicher Pfad


Wir haben gesamtgesellschaftlich die Stufe des Dialogs längst verlassen. Von allen Seiten tönen schrille Monologe laut und irritierend aus den Grammophonen selbsternannter Missionare, die blechern ihre immergleichen Platten abspielen, mit dem einzigen Ziel die Kakophonie der anderen Missionare zu übertönen. 
Geht es überhaupt noch um Inhalte? 
Oder geht es einzig und allein um das Recht des Lauteren, des Stärkeren. 
Um das Rechthaben an sich? 
Wenn wir so miteinander umgehen wollen, beschreiten wir am Ende den Weg derer, die wir fürchten.
Wir würden zu blinden Fundamentalisten werden, wo tumbe Gefolgschaft und hohle Eintönigkeit über dem Recht auf Einzigartigkeit stünden. Über dem Recht auf Leben und Selbstbestimmung. Sparta starb, während Köln bis heute lebt!
Die Errungenschaften des Dialogs, aus dem wir so viel Wissen über das fremde Wesen, die unbekannte Herausforderung, ziehen konnten, würden wir auf diesem gefährlichen Pfad innerhalb eines kurzen Wimpernschlags verlieren. 

Appell


Keine Kette hält ohne Faden. 
Keine Familie bleibt bestehen, wenn ihre Mitglieder die verbindenden Elemente aus dem Auge verlieren. 
Keine Gesellschaft kann fortdauern, ohne Besinnung auf das, was sie im Kern ausmacht.

Wenn wir unserer Pflicht gerecht werden, wenn wir die Zukunft positiv verändern wollen, müssen wir den Mut aufbringen, das Gemeinsame im Fremden zu finden. Wir müssen es mit aller Hingabe, vielleicht sogar mit Verzweiflung suchen. 
Und wenn es ein Mikrokosmos ist, den wir finden, so ist es dennoch ein Kosmos - ein Raum, wo wir das notwendige Biotop schaffen können, von dem aus zarte Triebe des Verständnisses wachsen, um zu umschließen, was sonst auseinanderzufallen droht.