Donnerstag, 4. Oktober 2018

Hatten wir das nicht hinter uns gelassen?

Der falsche Weg © www.pexels.com

Hatten wir 'das' nicht hinter uns gelassen?

Eine Theorie über die oft übersehene Antriebskraft hinter dem beharrlichen Zuspruch für die 'neuen' Autokraten und die Auflehnung gegen 'das Moderne'


In den Polstern des dualistisch-humanistischen Gedankenstuhls sitzend, Geräte bedienend, von denen wir wissen, dass sie uns allenfalls die kommenden fünf Jahre begleiten werden, bis bessere, smartere, komplexere die Märkte, und damit unser Leben, beherrschen werden, rätseln wir, die wir uns als modern, weltoffen, kultiviert und belesen empfinden, wie es zu den Phänomenen PEGIDA, AfD, Trumpismus, Russlandphilie, Brexit und dergleichen kommen kann. 

Kleidete sich der neue Rechtsnationalismus noch vor etwas über einem Jahr geschickt in die kritische Auseinandersetzung mit vermeintlichen Verfehlungen des Rechtsstaates und der Wahrung der per Grundgesetz vorgegebenen gesellschaftlichen Ordnung, schlicht: in das Pochen auf erzkonservative Werte, starrt uns heute - nicht nur in Deutschland, sondern global - der nackte Fremdenhass blank ins Gesicht, unverhohlen und schnörkellos, nicht einmal um Charme und die Etikette des Anstands bemüht. Innerhalb eines einzigen Augenblicks steht er da: aus Ruinen auferstanden, von deren Existenz wir nichts wussten, da wir annahmen es seien inzwischen nicht einmal mehr Grundsteine dessen vorhanden. Hatten wir ihn nicht umfassend bekämpft, mühevoll mit den Instrumenten der Aufklärung und Selbstreflexion in Angriff genommen und Stück für Stück demontiert? Hatten wir Ideologien und Fanatismen nicht gestern noch gesamtgesellschaftlich unser Misstrauen entgegengebracht, sie mit einer gesunden Portion erfahrungsdurchtränkter Skepsis und kühler Berechnung in ihre Schranken gewiesen? 

'Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, 
blickt der Abgrund auch in dich hinein.'
Friedrich Nietzsche


Die einwandernde Gewalt 'marodierender Horden', vor der die PEGIDA Demonstranten warnen; der Terror, den die Buddhisten in Burma fürchten; der Verfall unserer Werte, den der Islam mit seinen immigrierenden Fanatikern mit sich bringen soll: diese und andere Schrecknisse mehr produziert die Furcht vor ihnen nun vielerorts selbst. Die gesellschaftliche Ruhe, die nicht exogen gestört werden sollte, wird nun endogen und mit ungeheurer Kraft gestört: Die Angst hat das Schwert geschmiedet, das nun gegen die Angst selbst, welche eine Unbekannte ist, geführt wird. Wen fürchten wir heute mehr? Den Unbekannten, der im Stillen ein Unheil plant, oder den Wohlbekannten, der ganz offen zu Unheil aufruft? Wie der Muezzin, der die muslimische Gemeinde zum gemeinsamen Gebet aufruft, so rufen nun auch im Abendland Führungspersönlichkeiten ihre Gemeinde auf zur gemeinsamen Tat, zum gemeinsamen Appell, ja, zum gemeinsamen Glauben. Unsere Vergangenheit hat ihre Schatten abgeworfen, die Geschichte macht keinen Eindruck mehr: man ist heute auch HIER vereint im Glauben - nicht im Wissen.

Warum?


Das gesellschaftliche Leben, das wir kennen, ist gefährdet. Das friedlich-ignorante Mit- und Nebeneinander ist in Schieflage geraten. Eine Vielzahl von Bürgern fühlt sich nicht mehr sicher: aber NICHT wegen des Islam. NICHT wegen einer großen Zahl immigrierender Flüchtlinge und Glückssuchender, die in Europa stranden, während sie andernorts immerhin für Schlagzeilen sorgen. Sondern weil die Vergangenheit verdrängt, die Lehren die wir aus ihr ziehen wollten, vergessen worden sind. Sie fürchten die Menschen, die das Feuer der Angst schüren, die die Gunst jeder noch so dunklen Stunde nutzen, um etwas zu implementieren, das nur mit Gewalt erreicht werden kann: die Vergangenheit. Die Vergangenheit, in der das Feindbild klar, die Rollenverteilung eindeutig, die Zukunft berechenbar, die Gegenwart beherrschbar, das Einfache gut war. 

Während wir die Wahl hatten den Terror von außen zu fürchten, bleibt uns keine andere Wahl als den Terror von innen anzuerkennen. Denn er jagt unlängst durch unbescholtene Städte. Er marschiert und versammelt sich. Die Reben der über ein Jahrzehnt hartnäckig verbreiteten Lehren der Höflichkeit und gegenseitigen Rücksichtnahme sind scheinbar niedergebrannt. Bis hin in den politischen Diskurs herrscht ein rauer, radikaler, bisweilen würdeloser Ton, der mit der Durchschlagskraft einer geschwungenen Axt schwere Verletzungen der Menschenwürde verursacht. Das Streben nach einer besseren Gesellschaft scheint nahezu vom Sockel unserer hehren Ziele gestoßen, während das Ideal "Wir lassen uns nicht verbiegen und verändern, wir bleiben wo und wie wir sind" sich auf dem Olymp der Zivilisation einen Platz sichern will. Teilen, Empathie, Nächstenliebe, 'Knigge', ja die Wahrung christlicher Werte, alles wird teils rational, vor allem aber emotionell-national, beiseite geschoben, für ein schwer nachzuvollziehendes Wir-Gefühl, das derart von Frustration und Wut und Hoffnungslosigkeit und Angst und Pessimismus genährt ist, dass es niemanden verwundern sollte, wenn ihre Entfesselung Formen von der Öffnung Pandorras Büchse annehmen wird. 

Aber WARUM? Woher kommt das? Wogegen wehren sich denn unsere Mitmenschen, unsere Nachbarn, so sehr, dass sie ihre Gegner entsorgen wollen? Vernichten?

"[...] you´re one election away from losing everything you´ve got." 
President Donald Trump, 27.08.2018/ WH


Eine Antwort darauf bietet vielleicht die Betrachtung der Zumutungen, die wir alle im Verlauf des letzten Jahrzehnts hinnehmen mussten. Nicht der Blick auf das Wachstum der Scherenöffnung zwischen Arm und Reich war es, der der Politik hätte Sorgen machen sollen, sondern die exponentiell und fast explosionsartig wachsende Kluft zwischen den Menschen, die in der Gegenwart und denen, die in der Zukunft leben. Wer 2008 noch nicht auf den fahrenden Zug in Richtung Smartphone, Political Correctness, Klimawandel & Co. aufgesprungen war, dem ist in puncto Elektromobilität, LGBTQ und Smart-Apps heute erst recht alles entglitten. Die Überforderung durch die Anforderungen dessen, auf was sich der 'neue Mensch' einstellen soll, hat ihren Beitrag zu unserer unglaublichen Gegenwart beigetragen. Der allgemeine Ruf nach 'Digitalisierung' und dem 'perfekten Menschen', der sich selbst in all seinen Potentialen im unbedingten Einklang mit der Umwelt verwirklicht, die allgemeine Technologiehörigkeit, nebst den öffentlichen Skandalen um verbotene Blicke und verjährte Berührungen:  all dies beruht auf Anforderungen, denen viele (noch) nicht gewachsen sind. 
Man bemerkt es etwa an den realitätsfernen Gegenthesen gegen aktuelle Themen wie 'Erneuerbare Energien' oder 'Elektromobilität'. Die Argumente, auf denen diese beruhen, sind häufig veraltet. In puncto Klimawandelskepsis wird immer noch mit Zahlen aus Zeiten Al Gores gearbeitet, welche längst überholt sind und, mit Blick auf die große Anzahl neuer verfügbarer Studien und Fakten, auch ausgedient haben.  Man spürt es, wenn die Erfahrungsberichte Mutiger #MeToo-Opfer in Zweifel gezogen werden. Man erlebt es dort, wo beharrlich auf eine Aufteilung in Frau und Mann, und Mutter-Vater-Kind-Familien bestanden wird. Die Genderstudien werden als Humbug verworfen, frustriert wird gegen Errungenschaften aus eben diesem Forschungsbereich angekämpft - selbstredend übersehend, dass Elterngeld, Vaterzeit, die Anpassung der Löhne uvm. zu diesen Errungenschaften gehören. Dass der Charme unserer Gesellschaften bei allen exogenen Herausforderungen eben jene Bemühungen um besondere Formen der Rücksichtnahme und des taktvollen Miteinanders ist: geschenkt! Egal! 
Es ist - in kurz - viel zu anstrengend geworden diese Art 'guter Mensch' zu sein.
Der, der sich für seine unveränderten Ess- und Kaufgewohnheiten schief angeschaut fühlt, der Homosexualität für unnatürlich hält, der schon die Debatte um Diesel und Benzin für enervierend hält, jetzt also auch noch Ökostrom?, der keine Lust hat über jeden Satz und jedes Wort und jede Äußerung nachzudenken, bloß um niemandes empfindliche Seele zu verletzen, dem die ständige Bitte danach, auch an die Herkunft seiner Kleidung und die Abholzung des Regenwaldes zu denken, zu viel und zu weit weg ist, diesen Menschen hat die rasende Entwicklung unserer sich stets erneuernden Anspruchshaltungen, ihn haben WIR, erst abgehängt, dann erbost. Er fühlte sich nicht nur von der Politik abgehängt, sondern von der Gesellschaft, in der er lebt. Ist das überhaupt noch seine Welt? Wie findet man sich zurecht, wenn es so viele Nutzungsklauseln und Umgangsregeln und jährliche Neuentwicklungen zu beachten gilt? 
Kann man nicht einfach mal Bauchschmerzen nach dem Essen haben? Muss es gleich eine Glutenunverträglichkeit sein? 

Die Sättigungsstufe ist erreicht. Ein Teil unserer Mitmenschen hat genug. Des Guten zu viel. Mehr wollen, mehr brauchen sie nicht. Ihre Frustration wandelt sich in Ablehnung. 
Während 2014 maßgeblich die Politik 'abgelehnt' wurde, gehören nun selbst ehemals geschätzte politische und demokratische Institutionen zum Schuldkreis, die technokratisierte Bildungselite steht auch wieder im Fadenkreuz, nebst dem vermutlich in einer ungewissen Zukunft zusätzlich für Unruhe sorgenden Ausländer, der hier - man hat ja schon genug eigene Probleme - höchst unerwünscht ist.

Kein Wunder also, diese ungebrochene Begeisterung für Donald Trump & Co. Der macht es richtig. Der lässt sich nicht verbiegen. Der lässt sich nicht zu einem 'Bessermenschen' machen. Der wehrt sich mit Händen und Füßen gegen die 'Fesseln des Gutmenschentums', gegen die Anwürfe und ständigen Pingeligkeiten aus den Reihen der Oberkorrekten. Wie erfrischend und ermutigend einen Präsidenten zu haben, der genauso wenig Wert auf Etikette legt, wie der Bürger, den wir übersehen haben. Dann lehnt ihn eben der Intellekt ab - ist das nicht ein Zeichen dafür, dass es ihm genauso geht, wie dem recht rücksichtslos Zurückgelassenen? Die Verschwörung gegen Trump ist doch ein Zeichen dafür, dass die Welt verrückt geworden ist - nur, weil ein Präsident den Klimawandel in Zweifel zieht und nichts von Transsexuellen - im Militär, aber sicher auch allgemein - hält, wird er zur persona non grata? Und sind es nicht wirklich die Ausländer, die die ganze Kriminalität ins Land bringen? Wie soll man sich schützen, wenn nicht mit drakonischen Maßnahmen? Reden bringt doch nichts, das hat die Vergangenheit bewiesen: diese Leute  brauchen Schranken, notfalls einen Schuss vor den Bug, eine klare Sprache! Wer weiß das nicht besser, als der, der selbst eine klare Sprache braucht und keine Lust hat sich an die neu-gesellschaftlichen Normen anzupassen. Geht es bei der Frage darum, wie sehr sich der Fremde überhaupt integrieren kann, nicht auch inzwischen darum, wie sehr sich der Hiesige tatsächlich integriert fühlt? 

Der Zuspruch, den Putin, Erdogan und Trump genießen, ist kein selbstloser. Wenn sie fallen, die mobbenden, rücksichtslosen, sich in der Zeit rückwärts bewegenden, die Moderne demontierenden Machthaber, dann fallen alle. Alle, die nicht wollen, was von ihnen verlangt wird:
Ständige Anpassung. Ständige Verbesserung. Ständiges Nachdenken, Überlegen, Reflektieren. Ständiges Empathie zeigen. Teilen. Geben. Abgeben. Personal Improvement - zu deutsch "Persönliche Weiterentwicklung".

Es denkt, wer zu ihnen gehört: 
"Darf ich nicht so bleiben, wie ich bin? Was stimmt nicht mit mir? Warum ist an mir alles falsch? Warum ist an den Muslimen irgendetwas besser als an mir, warum stellen sich die Linken, die Modernen, die Gutmenschen auf ihre Seite? Ich stehe hier, als einer aus denselben Reihen, und habe niemandem was getan - warum bin ich nicht gut genug? Warum wird auf mich herabgeblickt, vielleicht noch mit Mitleid oder Verachtung? Ich will euer Mitleid nicht, ich will eure Verachtung nicht: Ich will Respekt. Denselben Respekt, den ihr Flüchtlingen, Solarenergie und Elektromobilität gegenüber habt. 
Und solange ich nicht respektiert werde, solange schubse ich mir den Weg frei. Oder lasse schubsen. Meine Stimme gehört...Trump. Der AfD. Putin. Erdogan. Denen, die euch mit aller Macht eure Grenzen zeigen. Die euch und eure Gedanken und Theorien herausfordern. Ich genieße es, diesem Machtkampf zuzusehen. Sie kämpfen meinen Kampf auf internationaler Bühne. Ganz öffentlich." 

Und während wir uns fragen, weshalb unsere Wahrheit nicht gesehen wird, weshalb Fakten keinen Stellenwert haben, wie Erkenntnisse und Errungenschaften aus dem letzten Jahrzehnt ausgeblendet und negiert werden können, wächst der Widerstand gegen uns, je mehr seine Wirkkraft bedroht ist. Der blinde Fanatismus ist plötzlich gerechtfertigt, solange er in Konsequenz 'die Richtigen' trifft. Die Methoden der Linksextremen dürfen nun auch von den Rechtsnationalen genutzt, die Verrohung von Sprache und Umgangsformen, die verbale Entsorgung und Hinrichtung Andersdenkender und sogenannter Gefährder ist kein Tabubruch, sondern 'notwendig'. 
Wer weiß? Vielleicht wird der Sturz eines Donald Trump die gefürchtete Büchse öffnen - vielleicht wird sich der Sturm dann entfesseln, wenn es nichts mehr zu verlieren gibt, wenn der Kampf verloren, der Stiernacken des Althergebrachten gebrochen ist. 

'Wenn der Hass feige wird, geht er maskiert in Gesellschaft 
und nennt sich Gerechtigkeit.'
Arthur Schnitzler


Die Frage ist schlussendlich: Wie wollen wir wieder eins werden?
Klar ist: Einigkeit finden wir nicht über die Beschleunigung, nicht in Eile, nicht durch Behelfsmäßigkeit und potemkischen Kulissenbau. Wir brauchen alle ein gesellschaftliches Fundament, auf dem wir in Respekt neben- und miteinander existieren können. Jede Familie hat Platz für Adoptivkinder, wenn die vorhandenen Kinder sich erwünscht fühlen. Jede Gesellschaft hat Raum für Neues, wenn das Alte dafür nicht weichen muss. So sehr wir also unsere Energien in die Zukunft investieren, im berauschenden Wirbel des höher-weiter-schneller steckend, sollten wir nicht außer Acht lassen, dass die Zukunft, die wir uns wünschen, nur Bestand haben kann, wenn wir der Gegenwart darin einen fairen und positiven Raum geben. 

Sie, die sich auflehnen und ein Gesicht zeigen, von dem wir glaubten, es sei gut verwahrt in die mahnenden Hallen der Geschichtserzählungen verbannt, wollen uns letztlich nur 'entsorgen' - weil wir sie schon längst 'entsorgt' haben. 
Der Fremdenhass entspringt dem Gefühl, umsonst geboren und unerwünscht zu sein. 
Eine Hand wäscht die andere - aber nur, wenn wir nach ihr greifen!


Dienstag, 2. Oktober 2018

Der falsche Fokus

foto&text © Ebony Popiolek


Weshalb wir den Fokus auf das Gemeinsame lenken müssen


Jeder existierende und jeder seiner Geburt harrende Mensch erhält mit seinem Recht auf Existenz auch mindestens eine Pflicht. Die Pflicht die Zukunft zu lieben, zu hüten und zu gestalten. Wie ein Kind ist sie unbedingt davon abhängig, dass wir unsere Verantwortung ernst nehmen. Ihr Recht auf Fortdauer geht über das unsere hinaus. Sie ist uns anvertraut, wie wir ihr. Sie ist der Kern des Lebens, denn es gibt und gab kein Leben ohne Zukunft.
In Zeiten, in denen der Konflikt in zunehmendem Maße das soziale Gefüge bestimmt, wird es deshalb um so wichtiger, uns auf das Wesentliche zu besinnen. Überall auf der Welt wird zunehmend der falsche Fokus gesetzt. Rechthaben geht vor Rechtwollen, auf der guten Seite stehen geht vor Gutes tun. Es ist an der Zeit den Blick für das Gemeinsame wieder zu schärfen. Und so unserer Verantwortung gegenüber der Zukunft wieder gerecht zu werden.

Die Debatte entzweit


Die Debatte entzweit mit wachsender Größe. Das ist keine These, sondern eine nüchterne Feststellung mit Blick auf die Entwicklungen unserer Zeit. Je mehr Masse, desto größer die wirkenden Kräfte. Wie Fliehkräfte, die mit zunehmendem Momentum alles nach außen drücken, drücken die großen Debatten heute nach außen: in der Politik, im Alltag, in der Familie. Es ist nicht allein diplomatisches Geschick, das trotz größter Spannungen und Konflikte hier und dort noch für Zusammenhalt sorgt. Es ist die Fähigkeit den Fokus für die verbindenden Elemente stets aufrecht zu halten . Wer es schafft das Gemeinsame inner - oder auch unterhalb der arbeitenden Fliehkräfte zu sehen, es zu benennen, der kann dort - und sei es auf einem noch so kleinen Feld - Konsens finden. Vielleicht sogar Frieden. 

Wir teilen alle denselben Wunsch: Leben


Der Arbeitsmigrant, der auf seiner Suche nach einer besseren Zukunft in unserer Mitte strandet: Geht es ihm nicht wie dem Arbeitslosen? Macht er sich nicht auch Sorgen um die Zeit nach seiner Schaffenskraft? Muss er sich nicht auch um eine Familie kümmern? Lastet nicht auch der Druck gesellschaftlicher Erwartungen auf ihm? Will er das Gefühl anderen eine Last zu sein nicht auch abwerfen? Selbstbestimmt und unabhängig leben? 

Der Fremde, der seine Familie zu sich in die Fremde holt. Geht es ihm nicht wie jedem von uns, wenn wir uns fremd und in der Minderzahl fühlen? Sehnt man sich nicht schon auf einem einzigen Pärchenabend voller Eltern als kinderloser Single nach wenigstens einem anderen Menschen, der dieselbe Sprache spricht, dieselben Themen hat, auf derselben Stufe steht, wie man selbst? Das Gefühl kultureller Fremdheit kennen wir alle, dafür müssen wir nicht erst in den Orient oder in das ferne Asien reisen. Vollkommen unabhängig von unserer Herkunft, sind wir dort, wo wir nicht Zuhause sind, fremd. Immer. Als Rocker auf dem Helene Fischer Konzert. Als Konservativer auf einer Demo von Linksaktivisten. Als Mieter auf einer Konferenz von Wohnungseigentümern. 
Heimat ist ein Wir-Gefühl. 

Wie steht es mit den jungen Migranten, die perspektivlos und mit viel gesellschaftlichem Widerwillen in passiver Reglosigkeit gehalten werden. Die warten müssen. Warten auf was? Ihr Unmut, ihre Rastlosigkeit, ihre sich täglich sinnlos ins Nichts verbrauchende jugendliche Tatkraft - können wir sie nicht nachvollziehen, die Frustration, die Wut, die Hilflosigkeit, die sie empfinden müssen? 
Würden wir uns die Mühe geben, den Fokus auf das Gemeinsame zu lenken, zu sehen, dass Väter und Mütter auch aus den entlegendsten Gegenden auf dieser Welt am Ende im Gros dasselbe für ihre Kinder wollen, wie wir - würden wir dann eine gemeinsame Sprache finden?

Wenn wir die jungen Männer, die auf aller Welt eine Bestimmung suchen, nicht als potentielle Gefährder, sondern als vor Umsetzungsenergie und Willenskraft strotzende Körper sähen, die als ungewollte Migranten gezwungen sind ziel- und richtungslos durch Zeit und Raum zu treiben und dabei - ohne vorgezeichneten Weg - selbstverständlich auf Kollisionskurs geraten: hätten wir dann das Herz, auf sie zuzugehen? Könnten wir Wege finden, die für alle gangbar sind?

Wie würden wir es finden, wenn unsere Söhne auch nur ein einziges Jahr ihres Lebens vergeuden müssten? Wenn wir viel teures Geld in ein Versprechen investierten, das sich nie erfüllt? Wenn wir einsehen müssten, dass unsere Söhne, dass wir, umsonst Strapazen und Entbehrungen auf sich genommen haben: was würden wir als Entschädigung erwarten? Was würden wir sagen?

Ein gefährlicher Pfad


Wir haben gesamtgesellschaftlich die Stufe des Dialogs längst verlassen. Von allen Seiten tönen schrille Monologe laut und irritierend aus den Grammophonen selbsternannter Missionare, die blechern ihre immergleichen Platten abspielen, mit dem einzigen Ziel die Kakophonie der anderen Missionare zu übertönen. 
Geht es überhaupt noch um Inhalte? 
Oder geht es einzig und allein um das Recht des Lauteren, des Stärkeren. 
Um das Rechthaben an sich? 
Wenn wir so miteinander umgehen wollen, beschreiten wir am Ende den Weg derer, die wir fürchten.
Wir würden zu blinden Fundamentalisten werden, wo tumbe Gefolgschaft und hohle Eintönigkeit über dem Recht auf Einzigartigkeit stünden. Über dem Recht auf Leben und Selbstbestimmung. Sparta starb, während Köln bis heute lebt!
Die Errungenschaften des Dialogs, aus dem wir so viel Wissen über das fremde Wesen, die unbekannte Herausforderung, ziehen konnten, würden wir auf diesem gefährlichen Pfad innerhalb eines kurzen Wimpernschlags verlieren. 

Appell


Keine Kette hält ohne Faden. 
Keine Familie bleibt bestehen, wenn ihre Mitglieder die verbindenden Elemente aus dem Auge verlieren. 
Keine Gesellschaft kann fortdauern, ohne Besinnung auf das, was sie im Kern ausmacht.

Wenn wir unserer Pflicht gerecht werden, wenn wir die Zukunft positiv verändern wollen, müssen wir den Mut aufbringen, das Gemeinsame im Fremden zu finden. Wir müssen es mit aller Hingabe, vielleicht sogar mit Verzweiflung suchen. 
Und wenn es ein Mikrokosmos ist, den wir finden, so ist es dennoch ein Kosmos - ein Raum, wo wir das notwendige Biotop schaffen können, von dem aus zarte Triebe des Verständnisses wachsen, um zu umschließen, was sonst auseinanderzufallen droht. 









Freitag, 26. Januar 2018

Migration bin ICH bin Migration



Mein halbjüdischer Opa kam aus Polen. Mein schwarzer Vater kam aus Amerika. In unserer Familie herrscht ein kunterbuntes Durcheinander, es gibt keine alleinstehende Blutslinie. Nix da Monokultur!
Ohne Migration, ohne interkulturelle Verständigung, ohne das Überwinden von Hürden und Vorurteilen, wäre ich nicht hier. Wer sich Migranten wegwünscht, wünscht sich mich weg! Und meinen Bruder. Und unsere Kinder. Meine ganze Familie. Fast alle meine Freunde! Und alle, die vor uns kamen und die nach uns kommen werden und die mit uns gekommen sind. Migration ist mein Leben. Meine Geschichte. Deshalb ist dies hier AUCH meine Geschichte. 

Migration ist nicht mein Feind: Migration bin ICH! 





Photo by Nina Strehl on Unsplash

Mittwoch, 17. Januar 2018

Ich habs hinter mir gelassen
Worte und Sätze, die nicht mehr wehtun



Mit den Worten von Beyoncé:
I´m a grown woman!


Ich saß kürzlich mit meiner großartigen Freundin in einer Weinbar und sinnierte über das Leben. Über das Erwachsensein. Noch vor ein paar Jahren fanden wir, dass wir noch "Küken" sind. Grün hinter den Ohren. Trotz Kind & Kegel. Trotz Beziehungen, Ausbildung, Job. Inzwischen fühlen wir uns "groß". In knapp 3 Jahren hat sich unser Lebensgefühl mehr verändert, als unser Leben. Aber was ist jetzt anders?
Vor allem die Art, wie wir im Leben stehen. Der Kopf ist noch in den Wolken, sogar gerne, aber die Füße stehen auf festem Boden. Etwas hat uns reicher gemacht. Nicht Erfahrung per se. Sondern Verständnis. Wissen. Ich habe mich in den letzten Jahren nicht von Menschen abgenabelt, sondern von Worten. Worten, die Macht über mich hatten. Sätzen, die mich gelähmt, verletzt oder gehemmt hatten. Ich habe viel dazugelernt. Am meisten über mich. Es ist 2018. Dieser Text ist für meine liebe Freundin, für mich und für euch: Worte - wir sollten nicht leichtfertig mit ihnen umgehen. Und ihre Bedeutung für uns verstehen.

Na und? Das tut mir nicht mehr weh!


"Du bist doch das totale Opfer!"
"Bonzilla." (Mein Spitzname 'Bonnie' + Godzilla)
"Ich habe mich nicht in dein Aussehen verliebt, sondern in deinen Charakter."
"Toll, jetzt wo du gut aussiehst, machst du mit mir Schluss."
"Bei ihr dreht sich doch alles um Sex."
"Was soll aus dir werden?"
"Egal gibt es nicht, das ist eine schreckliche Haltung."
"Du nervst."
"Nicht so laut."
"Das interessiert mich nicht. Ich will nur die Details."
"Musst du so lachen? Das ist eine schreckliche Lache!"
"Niemand kann immer so gute Laune haben, die ist total falsch."
"Deine ständige Höflichkeit geht mir total auf die Nerven, verstehst du das nicht?"
"Niemand kann so nett sein."
"Ich glaube dir nicht."
"Was kann die denn?"
"Die ist faul."
"Das wird eh nichts."
"Was interessierst du dich für so einen Tussenjob?"
"Ich hoffe, das ist nicht deine Freundin?"
"Was willst du von den Tussen?"
"Mit dem Gesicht kannst du gleich in dein Zimmer gehen."
"Du willst es ja gar nicht, sonst würdest du mehr kämpfen."
"Du machst das falsch."
"Das kann Bonnie nicht."
"So wirst du das nie schaffen."
"Du lässt dich doch von allen ausnutzen."
"Man kann nicht alles mit dem Kopf entscheiden, du musst auch mal auf deinen Bauch hören."


Was hat sich geändert?


Ich habe ein Leben, auf das ich stolz bin. Das war ich eigentlich schon immer, aber mehr denn je ist mir bewusst, dass ich mir SO ein Leben niemals hätte aufbauen können, wenn ich so gewesen wäre, wie andere mich sehen wollten oder gesehen haben. Meine früheren Versuche nicht zu sein, wie ich bin, haben mir wehgetan und mir geschadet. Nettigkeit, Nachsicht und Mitgefühl selbst für Menschen, die wirklich unglaublich böse und gemein zu mir waren, das zeichnet mich aus. Ich bin nicht schwach. Auch wenn mir das mein Leben lang eingeredet wurde. In der Hoffnung, dass ich mich ändere. Ich bin stark. Auf meine Art. Ich halte Gemeinheiten aus. Und ich kann sie hinter mir lassen. Ich kann Menschen sehr gut mehrere Chancen geben. Ich bin gut im Verzeihen. Ich kann sehr gut zuhören und Verständnis entwickeln. Und ich kann auch gut erkennen, ob es überhaupt um mich geht - oder ob jemand gemein ist, weil er eben 'gemein' ist - oder sehr sehr verbittert, zum Beispiel. 
Ich habe mich von Labels befreit. Es gibt Tussen nicht. Es gibt keine Loser. Es gibt keine Winner. Ich interessiere mich, wofür ich mich interessiere. Das sind sehr sehr viele Dinge. Ich muss mich nicht in eine Schublade stecken und ich sollte mir den Zugang zu "Tussen" nicht verbieten, nur weil ich in den Augen der anderen dann einen Schritt in die falsche Richtung mache. In meinem Leben hat es mir weniger geschadet, allerlei Dinge kennenzulernen, als es mir geschadet hat, auf allerlei Menschen zu hören. 
Ausgenutzt habe ich mich tatsächlich den größten Teil meines Lebens gefühlt. Maßgeblich aber, weil mir meine Natur, das Bedürfnis zu geben und nicht wirklich etwas zurück zu verlangen, madig gemacht wurde. Heute lebe ich das voll aus. Ich genieße es so sehr zu geben. Ich bin nicht mehr enttäuscht, wenn Menschen aus meinem Leben gehen, nachdem sie all ihre Traurigkeit oder Unsicherheit mit mir gemeinsam weggearbeitet haben. Statt ihnen böse zu sein, bin ich dankbar. Sie bereichern mein Leben mit ihren Geschichten, sie schenken mir Vertrauen, das nicht einmal ihre Eltern oder engsten Freunde genießen, und sie trennen sich im Guten von mir. 

Ich habe gute 99% der Zeit gute Laune. Ich bin einfach aus Prinzip lieber glücklich statt unglücklich. Ich überspiele nichts, ich bin, wie ich bin. Ich lache, ich lächle, ich rede und lache laut, ich genieße meine Zeit. Ich bin aufrichtig. Viel aufrichtiger, als mir große Strecken meines Lebens unterstellt wurde. Ich war oft naiv, verpeilt, habe mich geirrt, etwas vergessen - es ist in meinem Leben zu Missverständnissen und unglücklichen Zufällen gekommen, die mich unglaubwürdig aussehen lassen haben. Diese Momente sollten nicht mein Leben definieren, oder mein Bild von mir - haben sie aber. Ich habe darunter gelitten, dass ich als unaufrichtig wahrgenommen wurde. Statt hinzunehmen, dass manche Menschen das Schlechteste zuerst annehmen und mich auf das zu berufen, was ich wusste! 

Ich bin ein normaler Mensch, ich tue am liebsten, was mir guttut und vermeide, was mir schadet. Die Reduzierungen, die ich erfahren habe, von unattraktiv aber nett, über sehr attraktiv aber schlampig und untreu, haben mein Ego gefährlich reduziert. Streckenweise habe ich meinen Körper versteckt, dann wieder unsicher präsentiert. Ich war mit mir nicht im Reinen, weil ich mich für meine Ausstrahlung ständig schämte, oder für sie rechtfertigen musste. So viel von dem, was mich ausmacht, war für meine Umwelt ein Problem.

Ich habe mir eine eigene Welt geschaffen.
  • Eine Welt in der ich nett sein kann, so wie ich es bin. 
  • In der ich immer wieder verzeihen, nachgeben, zuhören und helfen kann.
  • Eine Welt, in der meine vielen Projekte, Ideen und Erfolge gewürdigt werden.
  • Eine Welt, in der ich so viel erzählen und schreiben kann, wie ich will. 
  • In der ich mich nicht limitieren muss, damit mir Aufmerksamkeit geschenkt wird.


Ich bin frei 


All die Labels, all die Sprechverbote, all die Regeln 'euren' sozialen Miteinanders, all das angedichtete, vermutete, hinterrücks spekulierte, tut mir nicht mehr weh. Ich bin frei. Im Zentrum meines Lebens steht, was ich über mich weiß. Meine Wahrheit. Und die gefällt mir. Das kann mir niemand wegnehmen. Mein Leben ist, wie es ist, weil ich bin, wie ich bin.

Die Lektion


Wenn ihr wisst, wie es in euch aussieht - lasst euch nichts anderes einreden.
Wenn ihr wisst, wer ihr seid - lasst euch zu niemand anderem machen.

Wenn ihr wisst, was euch guttut - lasst euch nicht etwas anderes aufschwatzen.
Wenn ihr wisst, was euch schadet - geht ihm aus dem Weg.

Wenn ihr wisst, was ihr könnt - gebt es, teilt es. Auch wenn nichts zurückkommt!
Wenn ihr wisst, was ihr liebt - tut es, teilt es, sucht es: Bereichert euch selbst.



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