Freitag, 16. Januar 2015

"Wir müssen reden!"
Einladung zum Abschalten

Gesprächsanbahnung mit Jugendlichen


Jugendliche

Sie sind ein ganzes Universum an Unmöglichkeiten. Zumindest aus den Augen ihrer Eltern. Was noch bis kurz vor Einschuss der Pubertätshormone reibungslos und pragmatisch verlief, wird zur dramatischen und hoch emotionalen Angelegenheit. Scheinbar alltägliche und selbstverständliche Themen, Riten, die sich tag ein - tag aus wiederholen, werden zur Prüfung für Jugendliche und ihre Eltern. Wenn dann das Fass mal wieder überläuft, wollen Eltern reden. Leider schalten konsequent an dem Punkt, wo der Dialog ansteht, die Jugendlichen ab. Ihre Mittel zum Zwecke der Zerstreuung sind:

  • Passiver Widerstand -  im Sinne von kurzen und meist wenig hilfreichen Antworten ("Whatever, Mama"). 
  • Allgemeine körperliche und geistige Leblosigkeit, abgesehen von gelegentlichem Augenrollen.
  • Machtvolle Demonstrationen von Desinteresse (Kopfhörer rein, Blick runter, Monolog:  On). 
  • Und Lautstärke gekoppelt an verletzende Aussagen, wie "Ich wünschte, ich wäre ein Scheidungskind". 

Ja, in dem Moment, wo man auf Augenhöhe und in aller Ernsthaftigkeit mit seinem fast erwachsenen Kind reden möchte, findet alles statt. Alles: außer dem Dialog. Liegt das an der Jugend?
Ich behaupte (neuerdings): Nö!
Es liegt auch und vor allem am elterlichen Unvermögen so auf ihre Jugendlichen einzugehen, dass sie sich überhaupt öffnen wollen. Aus Sicht der Jugend sind Gesprächsanbahnungen der Eltern die offizielle Einladung zum Abschalten. Und wir geben ihnen allen Grund dazu.


Einladung 1
"Ich will nur dein Bestes, aber..."


Alle Eltern machen sich Sorgen um ihre Kinder. Über den isolierten Nerd, dass er keine Freunde hat. Über den nie erreichbaren, sich ständig mit Freunden herumtreibenden Socializer, dass er die falschen Freunde hat. Und über den, wo alles ohne Streit und in spießig geordnetem Rahmen verläuft, dass er das Leben verpasst und seine Jugend nicht auskostet. Eltern wollen immer das, was sie grade nicht haben. Wenn Eltern ihrem Jugendlichen sorgenvoll mitteilen, was sie über ihn denken, teilen sie ihm aber vor allem mit: Ich halte dich nicht für normal.
Ist das eine gesunde Diskussionsgrundlage? Man stelle sich vor, auf Arbeit würde Chef ständig den Vergleich zu anderen Kollegen ziehen, mit der Bitte, man möge sich ändern. Möglichst gänzlich, denn die Performance schadet dem Firmenimage! Das vorgeschobene "Ich will nur dein Bestes" klingt unter diesem Aspekt mehr nach Political Correctness, als nach Aufrichtigkeit. Wer ein Gespräch so einleitet, der leitet allzu oft eine meist sehr unsensible Demontage der jugendlichen Identität seines Schützlings ein.
Dabei zuhören? Wozu? Vom Zuhören lernt kein Vogel schwimmen! Also:
Flach atmen und labern lassen, Chef.

Einladung 2
"Wir müssen reden. Ich..."



Alle Eltern werden sich vermutlich irgendwann diesen Satz sagen hören. "Wir müssen reden". Wer diese Worte ausspricht hat sich mental auf ganz harte Themen eingestellt. Dann geht es um Dinge, die die Zukunft des Nachwuchses bedrohen, zumindest aber negativ beeinträchtigen. Es geht um die großen, philosophischen Fragen des Lebens, die die meisten Erwachsenen selbst nie beantwortet haben.

  • "Was soll aus dir werden?" 
  • "Wer willst du sein?" 
  • "Wofür lebst du?" 
  • "Wofür setzt du dich ein?" 
  • "Was ist dein Ziel und Lebenszweck?" 

Anlass sind wochenlang nicht aufgeräumte, nach Schweiß, Essensresten und alter Luft stinkende Zimmer. Oder nachlassende schulische Leistungen. Oder die Abkehr von allen Interessen, Hobbies, Aktivitäten (außer Zocken, Chatten, Facebooken etc.). Oder wiederholt nicht eingehaltene Vereinbarungen. Aber auch andauernde Vergesslichkeit oder die Neudefinition dessen, was Eigentum und Besitz bedeuten (..."Eure Sachen nehm´ ich mir, wehe ihr fasst meine an.") Wenn die üblichen Erziehungsmittel versagt haben und die "Krise" ins Haus steht, dann muss geredet werden.
Nur: Reden tun dann sehr ausdauernd die Eltern. "Ich will...Ich erwarte...Ich verlange...Ich denke...Ich weiß....Ich sehe...". Ein echter Austausch, Einlenken oder Erklärungen vom Jugendlichen sind gar kein Thema für den Mono-Debattierenden.
Nachdem so richtig Dampf abgelassen wurde, DANN darf sich der Angeklagte auch äußern. Aber nur zu den Fragen "Was soll aus dir werden?" oder "Hast du dazu gar nichts zu sagen?" Der Jugendliche aber weiß: Beide Fragen sind Fangfragen. Sarkasmus und Humor sind völlig unangebracht, was der Jugendliche leidvoll in Erfahrung bringen muss, sollte er so antworten: "Dann werd ich halt Obdachloser, leb auf der Straße und verkaufe die MOTZ". Eltern finden das überhaupt nicht lustig. Verteidigt sich der Jugendliche und rechtfertigt wortreich seinen derzeitigen Lebenswandel, riskiert er, die ganze Anklage ein zweites Mal anhören zu müssen: Denn egal was er sagt, den Eltern passt ja der Lebenswandel nicht.
Das Einzige, was die Eltern hören wollen, ist: "Du hast Recht, Papa/Mama! Ich werde mich bessern. Ich will ein Studium beginnen und erfolgreich werden, ich habe diese Ziele aus den Augen verloren. Danke für deine Warnung."
Antwortet man auf die Frage "Hast du nichts zu sagen?" mit "Nein!", öffnet der Jugendliche Pandorras Box. Die Eltern wollen nämlich, dass er etwas sagt: und zwar das Richtige!Antwortete der Jugendliche aber mit "Ja" - na, dann muss er ja etwas sagen. Und was, außer einer Verteidigung seiner Person soll dann kommen? Er demontiert sich doch nicht selbst. Weshalb jegliche Einwände in der Regel nur negative Konsequenzen zu Folge haben. Und Zustimmung? Na, sähe der Jugendliche alles genauso, gäbe es den Konflikt gar nicht erst. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz - auf Fangfragen sollte man nicht antworten, deshalb schaltet der Verurteilte auf Durchzug.

Einladung 3
"Immer...."


Nun ist das Wort immer ja kein böses Wort. Aber im Zusammenhang mit dem, was Eltern einem zu sagen haben, ist es oft ein sehr unfaires. Wenn Eltern ihre Sätze mit immer einleiten, dann folgen gern die Worte nie und muss ich. Der Jugendliche rechnet die immers aus und widerlegt sie mit Fakten: 5 Mal ist eben nicht immer. Aber der Einwand zählt nicht, denn es geht ums Prinzip, und 5 Mal in einem x-beliebigen Zeitraum ist aus Klägerperspektive immer. Dann fällt das Wörtchen nie und der Jugendliche gleicht alle nie-Situationen mit den gespeicherten außer-Situationen ab und liefert dann die Korrektur: Nicht "nie" - es gab mindestens 3 "außer" Situationen. Aber auch hier gilt wieder das Zeitgefühl der Eltern als einzig gültiges Maß, weshalb außer nicht zählt (schon gar nicht, wenn es kein "perfektes außer" war.) Beendet werden "immer - nie" - Klagen gern mit dem sehr vorwurfsvollen "muss ich". Das will nichts anderes ausdrücken, als den Frust darüber, genug Probleme zu haben, um die man sich kümmern muss.
Der Jugendliche erkennt sofort, dass hier gar keine echte Verhandlung stattfindet. Es gibt keine Jury und kein Recht auf Strafverteidigung. Es gibt nur einen Kläger, einen Anwalt und einen Richter und alle drei sprechen mit dem gleichen Mund. Ist das durchschaut, gibt man auf. Rückzug, teilnahmsloses entgegennehmen jedweder Strafmaßnahmen, freudige Annahme von Isolationshaft und der heimliche Schwur sich mit andauernder Freudlosigkeit zu rächen sind die stillen Antworten auf eine von vorneherein unausgewogene Gerichtsverhandlung.

Ich habe grade gelernt, als jemand, der zu langen und überaus kreativen Monologen neigt, dass man einen Dialog totreden kann. Das, was ich mir sehnlich gewünscht habe, nämlich eine richtige Auseinandersetzung, eine faire Verhandlung, einen "Blick in mein Gegenüber" habe ich stets vermisst. Bis ich eines Nachts aufwachte und wusste, dass meine Kommunikation vorrangig aus wilden Spekulationen, Druck und einer "keine-Einwände-Policy" besteht. Dabei bin ich ein selbstironischer, sehr humorvoller und lösungsorientierter Mensch. Wo bleibt mein Humor, wenn es um Essensreste geht, die inzwischen ihre ersten Gehversuche machen? Wo bleibt meine Selbstironie, wenn ich argumentativ widerlegt wurde ("immer - nie")? Wo bleiben meine Lösungsansätze bei meinem Talent ein Problem differenziert zu betrachten?
Als mir das alles klar wurde, mochte ich mich selbst nicht besonders gut leiden. Kein Wunder, wenn das umgekehrt den Kids auch so geht. (Dass die einen dann nicht leiden können). Ich machte mir Sorgen, wie viel Beziehungsporzellan ich schon zerschlagen haben könnte und nutzte eine mir günstig erscheinende Gelegenheit, um nachzufragen, wie furchtbar ich bin.
Die Antwort erstaunte UND erleichterte mich: Gar nicht.
Und warum? Weil Eltern (und Stiefeltern), die Einladungen wie die obigen aussprechen, eh nicht ernst genommen werden. Puhh...Glück gehabt! Und: Aha - Mission failed, Erziehungserfolg gleich Null (das hatte ich übrigens auch schon gemerkt).

Ergo: Mal anders an das ran, was ich möchte. Entschieden habe ich mich für die sokratische Methode. Also Fragen stellen, aber nicht mit eigenen, fertigen Meinungen und Antworten bombardieren. Funktionierte heute richtig gut! Demnächst werde ich "aktives Schweigen" als Werkzeug ausprobieren - ich hatte mal einen Kunden, der das gemacht hat. Es hat mich WAHNSINNIG gemacht, weil ich ja nie wusste, was er genau denkt. Was mich dazu verleitet hat, selbst ohne Punkt und Komma zu erzählen, um diese ewige Stille nicht aushalten zu müssen. Sollte aber mal wieder zu Hause ein Thema mit Konfliktpotential anstehen, werde ich es meinem damaligen Kunden gleich tun. Ich werde eine Frage stellen und egal wie die Antwort aussieht, ich werde nicht zeigen oder sagen, was ich über sie denke. Ich werde auch keine weitere Frage stellen, um das Gespräch zu lenken. Ich werde einfach sagen "Ich möchte gern mal mit dir über dich reden" und dann sitzen wir da und ich schweige ganz viel. Warte ab. Gucke, was passiert. Wenn nach einer Stunde immer noch nichts gesagt wurde, musste ich mich wenigstens auch nicht in irgendwas reinsteigern. Und alles andere: Wäre ein Erfolg!


Foto wie immer von gratisography.com, by the wonderful Ryan McGuire