Freitag, 15. September 2017

Gewöhnungsbedürftig: Leben mit Männern

"Männer? Diese schrecklichen haarigen Biester, die immer alles anfassen müssen..."


Ich mag keine Pauschalisierungen. Jeder ist anders. Aber es gibt Ausnahmen. Männer und Frauen zum Beispiel. Es gibt Dinge, auf die bist du als Frau einfach nicht vorbereitet, wenn du bereit bist mit einem Mann zusammenzuleben. Kann für Männer auch gelten, aber je länger die bei Mutti gelebt haben, desto eher erwarten sie vielleicht das, was für dich ein Albtraum ist.*

1. Männer hören nicht richtig zu

Mein Vater und ich hatten klassische Mann-vs-Frau Probleme. Von ihm habe ich eine Menge darüber gelernt, was Männer nervt. Und was Männer nicht können.
Wenn mein Vater wissen wollte: "Was ist passiert?", dann habe ich ihm bereitwillig erzählt, was passiert ist. Das Problem war: "Das wollte ich nicht wissen. Was ist passiert?" Ich habe verzweifelt versucht meinem Vater zu erzählen, was passiert ist. Aber je ausführlicher ich wurde, weil er ja scheinbar nicht begriff, was ich meinte, desto wütender wurde er. Nicht selten ist mein Vater wegen einer Lappalie aus der Haut gefahren: Einfach, weil ich nicht in der Lage war einen Sachverhalt so zu schildern, dass er damit etwas anfangen konnte.
Erst Jahre später habe ich kapiert, dass mein Vater - wie viele Männer, die inzwischen meinen Weg gekreuzt hatten - mit all den Details nichts anfangen konnte. Wenn er mich bat "Erzähl genauer!" dann meinte er nicht, wie Freundinnen untereinander "Erzähl mir mehr", sondern:
ERZÄHL MIR NICHTS, was nicht absolut absolut essentiell notwendig ist.
Was ihn frustriert hat, war: Mit so vielen Details konnte er mir beim besten Willen nicht helfen.
Mit so viel Extrawissen konnte er nicht ausmachen, was mir wichtig war. Was nun gelöst, besprochen oder geklärt werden musste. Es war zu viel.
Deshalb stimmt es, wenn Frau sich beklagt: "Du hörst mir überhaupt nicht richtig zu".
Das stimmt und er weiß es auch, er will es bloß nicht zugeben.
Er hört ja mitunter verzweifelt zu: Es kommt bloß nichts an.


2. Männer können kein Multitasking

Das ist eine unbestrittene Wahrheit, es kommt nur darauf an, was man darunter versteht.
Frauen können während ihrer Arbeit private Sachen regeln, wie Schulangelegenheiten klären, die beste Freundin in der Mittagspause treffen, nach der Arbeit etwas für den Mann vom Supermarkt abholen, während der Autofahrt kurz ein paar wichtige Telefonate führen, dann mit dem Teenie, den man von Freunden abgeholt hat, über schwerwiegende Dinge diskutieren, zuhause kochen, Wäsche waschen, vom Arbeitstag erzählen und dann beim Essen den Mann fragen: "Siehst du das auch so?"
Und weil er gar nicht mitbekommen hat, dass sie inzwischen mit ihm redet, weil er damit beschäftigt ist Juniors umgekippten Saft aufzuwischen, fragt er:"Hä? Redest du mit mir?" Um zu erfahren, dass sie schon seit mindestens zehn Minuten mit ihm geredet hat. Wo war er in dieser Zeit?
"Hä, haben wir nicht grade noch über deine Arbeit geredet?"
"Das war vor zehn Minuten?"
"Und warum reden wir jetzt über deine Mutter?"
"DEINE Mutter, Herr Gott nochmal!"
...und das ist dann der Beginn eines friedlichen Familienabends.

Ein weiteres Beispiel dafür ist mein Mann. Wie krass das männliche Monotasking ist, belegt mein Mann immer dann, wenn er am PC sitzt und arbeitet. Oder wahlweise: Wenn er im Sessel sitzt und liest. Wenn ich am PC sitze, oder ein Buch lese, bin ich ein absolut ansprechbarer Mensch. Vermutlich denke ich während des Schreibens oder Lesens über mindestens zwei andere Dinge parallel nach. Mein Mann denkt sich in eine Sache rein. Das Thema, über das er liest. Das Problem, über dem er brütet. Weil er sehr sehr sehr intelligent ist, hat er einen Autoresponder entwickelt. Der springt nicht immer zuverlässig an, dann haben wir die klassische Mann-Frau-Situation, sprich:

Ich: "Hast du heute mit XY gesprochen?"
Er am PC: Nichts.
Ich: "Hat sich inzwischen was ergeben, oder wissen wir immernoch nichts Neues?"
Er: Nichts.
Ich: "Ich habe mir schon Sorgen gemacht, aber ich kann da ja nicht einfach so anrufen. Du hast da doch schon angerufen, oder?"
Er: Nichts.
Ich: "Roy - hörst du mir überhaupt zu?"
Er (blinzel): "Redest du mit mir?"
Ich: "Mit wem sonst, du bist der einzige hier neben mir!"
Er: "Ja, dann musst du mir sagen, dass du mit mir redest."
Ich: "Mal ernsthaft, mit wem sollte ich sonst reden?"
Er: "Ich weiß nicht."

usw.

Wenn sein Autoresponder anspringt, hätte die gleiche Situation so ausgesehen.

Ich: "Hast du heute mit XY gesprochen?"
Er: "Hm...ja".
Ich: "Hat sich inzwischen was ergeben, oder wissen wir immernoch nichts Neues?"
Er: "Nichts Neues."
Ich: "Ich habe mir schon Sorgen gemacht, aber ich kann da ja nicht einfach so anrufen. Wissen wir denn wenigstens, wie lange es voraussichtlich dauern wird?"
Er: "Ja."
Ich: "Rufst du dann bitte nochmal an, wenns soweit ist?"
Er: "Ja, natürlich. Kannst du ja nicht machen."
Ich: "Danke. Und wie geht´s XY sonst damit?"
Er: "Wem?"
Ich: "Na XY."
Er: "Wieso XY? Was ist mit XY?"
Ich: "Hä, darüber haben wir doch gerade geredet? Oder hat XY nichts dazu zu sagen?"
Er: "Wozu?"

usw.

Das tückische am Autoresponder ist, dass es scheint als würden wir miteinander reden, in Wirklichkeit hat das Gehirn meines Mannes eine Art Repeater-Funktion, die es ihm erlaubt, Satzteile oder Sinnteile zu wiederholen, ohne dass es in seinem Kopf zu irgendeiner Verknüpfung kommt. Mir fällt das dann meistens auf, wenn ich über dieselbe Sache in anderem Zusammenhang spreche: Dann weiß mein lieber Mann meistens überhaupt nicht, worum es überhaupt geht. Selbst wenn er mir unter anderem schon gute Tipps im Autoresponder-Mode gegeben hat, an die er sich nicht mehr erinnern kann.

Wenn (m)ein Mann arbeitet, liest, schläft usw. dann ist er voll bei der einen Sache.
Wir Frauen können das nicht alle, so fokussieren, und auch nicht auf alles: Aber dafür haben wir oft im Blick, was unseren lieben Männern völlig abgeht. Hinter vielen starken Männern stehen deshalb aufmerksame Frauen, die ihm sagen, was er alles übersehen hat. Dinge, die ihn ohne sie unter Umständen seine Karriere gekostet hätten.
Ich denke, das ist das Rezept erfolgreicher Frauen: Sie können sehr gut fokussieren - dennoch haben sie stets mehr im Blick, als ihre Konkurrenten. So können sie sich in dem bissigen Ellbogenklima gegen all die (übergroßen) Egos durchsetzen.

3. Pfui


Männer müssen in der Regel domestiziert werden.
Sie leben in jungen Jahren in Baracken, die einmal zur regulären Gestaltung des elterlichen Wohnraumes gehört haben. In diesen Baracken sieht es so aus und riecht es so, wie in einem Obdachlosenheim - zumindest stellt man sich die Lebensverhältnisse vergleichbar vor. Wenn man einem heranwachsenden Mann nicht ständig Zivilisation abverlangt oder ins Zimmer trägt, lebt er sehr bald in einem absolut verwahrlosten Zustand. Ich weiß nicht, ob er damit glücklich ist, ich weiß nur: Ich habe es erlebt, und man(n) wirkte nicht unglücklich.
Schmutz, Geruch, Schimmel, Potz und Pestilenz...das alles gehört zu einem Dunst, den die jungen Herren in ihren eigenen Räumen produzieren. Junge Damen, die dem ungewöhnlich frisch geduschten Mann bei einer Party auf den Leim gehen, verbringen dort in seiner Höhle ganze Wochenenden, vom Sauerstoffmangel benebelt und wegen der allgemein herrschenden Dunkelheit der stets heruntergelassenen Jalousien nicht in der Lage, Tag und Nacht zu unterscheiden.
Der ein oder andere Mann lernt im Laufe seines Lebens, dass er, möchte er mit der Dame seines Herzens zusammenleben, auf gewisse animalische Annehmlichkeiten verzichten muss. Kompromisse müssen eingegangen werden. Wäsche wird nicht mehr überall hingeschmissen, sondern in den Wäschekorb . Essensreste werden nicht mehr überall stehen gelassen, sondern im Kühlschrank. Verpackungsreste gehören in den Müll. Verschmutzte Toiletten müssen gereinigt werden - oder man(n) ändert die verschmutzende Uriniermethode und sitzt einfach mal. Körpergeräusche sind Frauen ein Graus, sie gehören zur Konversation "Men only" oder ins Badezimmer. Ordinäre Brunftlaute beim Anblick einer begehrenswerten läufigen oder einfach nur existierenden anderen Dame werden mit Rausschmiss oder Coitus-Entzug bestraft. Der Körper hat so zu riechen, wie beim ersten, zweiten und dritten Date. Die Offenbarung des wahren männlichen Aromas hat in einer Beziehung absolute Grenzen. Die Mundhygiene wird nicht von täglichen Bierspülungen wettgemacht. Leberwurstreste und Zwiebelhäute müssen fachgerecht mit den dafür vorgesehenen Hygieneartikeln entfernt werden. Mettwurstbrote sind kein angemessenes, geschweige denn romantisches, Frühstück. Vampire gibt es nicht: Jalousien sind zum Öffnen, Fenster zum Lüften und Sonnenlicht zum Leben da.
(Mein Mann war übrigens secondhand und durchdomestiziert, als ich ihn bekam: Militär, diverse Beziehungen und eine Ehe hatten aus ihm inzwischen einen recht aufgeräumten Mitbewohner gemacht.)


4. Was Frauen wollen


Männer verstehens leider oft nicht. Umgekehrt aber genauso. Sie will mehr Beachtung, er will dauernd nur Sex. Sie will mehr Zärtlichkeit, er will Sex. Sie will reden, er will Sex. Sie möchte sich respektiert fühlen, er will Sex. Sie möchte geschätzt werden, er will Sex. Sie will sich geliebt fühlen, er will Sex. Sie will sich mal wieder wie eine Frau fühlen (nicht Mutter...Hormonmonster...Angestellte...): ER WILL SEX.
Das Verrückte daran ist, dass Männer dasselbe wollen.
Die Erfüllung all dessen würde in seiner Welt dann so aussehen:
Sie wollte Sex, jetzt weiß er, dass er ihr wichtig ist.
Sie wollte Sex, jetzt hat er Lust ihr zuzuhören.
Sie wollte Sex, jetzt fühlt er sich respektiert.
Sie wollte Sex, jetzt fühlt er sich geschätzt.
Sie wollte Sex, jetzt fühlt er sich geliebt.
Sie wollte Sex, jetzt fühlt er sich wieder so richtig männlich.
Was für ihn sehr einfach ist, ist für Frauen kompliziert.
Was für uns einfach ist, ist für Männer kompliziert.

"Ich habe Blumen mitgebracht, wir haben einen Frauenfilm geguckt, wir haben gekuschelt: Warum will sie keinen Sex?"

Weil sie wusste, dass er das alles tut, um Sex zu bekommen. Da kann man dann auch einfach 100€ auf den Tisch legen und sagen "Wir sehen uns heute Nacht" - es ist ungefähr gleich romantisch.
Frauen wollen Partnerschaftlichkeit regelmäßig erleben, Zärtlichkeit, Mitgefühl..wollen wissen, dass ihre Männer auch außerhalb von Sex an sie denken.
Er hat die Küche nach dem Essen aufgeräumt und wollte....KEINEN Sex. Wow!
Er hat die Kinder ins Bett gebracht und wollte...KEINEN Sex. Wow!
Er hat ihr ein Kompliment gemacht und wollte....KEINEN Sex. Wow!
Er ist zärtlich und liebevoll...OHNE Sex. Wow!
Das heißt nicht, dass er ihn nicht will - das heißt nur, dass Sex optional ist und nicht an Handlungen und Gefallen gebunden.

Das ist nicht für alle Männer selbstverständlich, hüstel hüstel. Im Gegenteil. Es gibt immernoch welche, die Nachhilfe in solchen Dingen brauchen. Sex ist eine Autobahn, keine Einbahnstraße. Nur durch Gegenseitigkeit, durch wahres Miteinander, durch echtes "Aufeinanderzu" kann auf dieser Autobahn mit regelmäßigem Verkehr gerechnet werden. Der Stau aus der Verliebtheitsphase zählt nicht: Da lacht die Frau ja auch noch über sein gerülpstes Alphabet. Hormone, nicht Hirn, leisten da die ganze traurige Arbeit. Die echte, harte Beziehungsarbeit beginnt, wenn die rosaroten Wolken sich lichten.
Shrek ist nur als Unterhaltungsprogramm lustig: In echt wollen alle Frauen jemanden, der zumindest wie Prince Charming riecht.

Meine große Tochter zieht mit zarten 20 Jahren zum ersten Mal aus.
Und mit ihrer großen Liebe zusammen.
Jetzt kann keiner sagen, ich hätte sie nicht gewarnt ;-)

*Augenzwinkern und Ironie: On ;-)

Fotos wie immer von Ryan McGuire
gratisography.com

Dienstag, 12. September 2017

Wie Donald Trump moderne Bildungsziele ad absurdum führt

Leben auf der Überholspur: Ist das alles, was wir wollen?


In unserer Gesellschaft wird von Druck gesprochen. Druck und Wettbewerb, und natürlich Wettbewerbsfähigkeit. Wir müssen wachsen, besser werden, schneller werden. Die Frage ist doch nur: Verglichen mit wem? Und: Ist jedweder Vergleich wirklich so vernünftig?

Bildung ohne Konkurrenz


In der Schule wird mobil gemacht. Das heißt: Kaum hat der Erstklässler gelernt sein zukünftiges Schreibbesteck normgerecht zu halten und die Reihung des ABC zu verinnerlichen, beginnen die Diktate in Schreibschrift. Kaum hat der Erstklässler gelernt eine Vorstellung vom Nutzen von Zahlen, vom Zählen, vom Auf- und Abrechnen zu entwickeln, beginnt er mit dem kleinen Einmaleins, ungeachtet dessen, dass er noch immer auf der Spur des Addierens und Subtrahierens ist. Die zweite Klasse beginnt für den Schulneuling mit Druck. Tempo, Fortschritt, Wachstum: Alles jetzt gleich. Wer sich Zeit lässt, wird abgehängt.

Donald Trump machts vor:
Weshalb nur 'in Konkurrenz' denken nicht zum Ziel führt


Donald Trump macht vor, wie ein Kind dieser Schule als Erwachsener agiert:
Schneller, weiter, Wachstum, Konkurrenz, Wettbewerbsfähigkeit. Ohne Sinn, ohne Verstand, ohne Plan. Das einzige, was er im Kopf hat, ist seine eigene Größe zu maximieren. Bei ihm ist der gesellschaftliche Kanon vom ewigen Wachstum, von ständiger Gewinn(er)maximierung angekommen: Leider vollkommen ohne Inhalte.
Der Präsident der Vereinigten Staaten bemerkt voller Anerkennung, dass das durch den Hurricane Irma am meisten gewachsene Label die amerikanische Wasserwacht geworden sei. Jetzt sind die so richtig bekannt, weil die so mutig gewesen sind und wirklich Leute gerettet haben. Toll - das macht das Label "America" wieder so richtig populär!
Den Hurricane Harvey Opfern teilte der Präsident mitfühlend mit, dass sie mit Sicherheit nie so viel publicity gehabt hätten, wie nun. "Hier ist richtig was los", bemerkt der Präsident, und "Wow, großartig, wie viele Leute hier sind". Er wünscht den Helfern nach einem "wunderschönen Erlebnis" noch einen "schönen Tag". Die Einschaltquoten seien gigantisch!
Donald Trump, der kein besonders guter Stratege, noch ein Diplomat, noch ein Verhandlungstalent, noch irgendetwas vergleichbar Nützliches für einen Mann an seiner Stelle ist, ist nur eines:
Ein Maximalist.
Alles ist in seinem Falle eine Frage der Größe, Größe führt zu Wichtigkeit, und Wichtigkeit ist sein Lohn. Großartigkeit wird bei ihm nicht an Sinnhaftigkeit gemessen.

Donald Trump ist Sinnbild für die Krise, in der die Bildung weltweit steckt:
Ist mehr wirklich immer mehr? Oder: ist mehr immer besser?


Die Massen an Menschen, die ungläubig oder begeistert an seiner Vereidigung zum Präsidenten teilnahmen, vereinten sich in diesem Zusammenhang zur "größten Ansammlung aller Zeiten". Seiner Vereidigung haben angeblich mehr Menschen zugesehen, als bei irgendeiner davor.
Obschon der Präsident wenig für irgendetwas tut, brüstet er sich damit, dass sein de facto chaotischster Regierungsapparat, den die USA je erlebt hat, mehr schafft, als alle vorherigen.
"Wir haben schon jetzt mehr geschafft, als alle meine Vorgänger in den ersten Jahren ihrer Amtszeit", wird Donald Trump nicht müde zu behaupten. Tatsächlich schafft er vor allem mit Hochdruck ab, was sein Vorgänger und größter Konkurrent, Barrack Obama, etablieren wollte bzw etabliert hat.
Er sei der beliebteste Präsident, auch wenn das laut Umfragewerten nicht der Wirklichkeit entspricht.
Er habe mehr für das vereinte Amerika getan, als irgendeiner vor ihm, auch wenn die USA seit Jahrzehnten nicht mehr so tief gespalten war, wie sie es jetzt ist.
Donald Trump liebt es zu polarisieren, zu übertreiben, groß zu tun: Es ist offenbar auch das einzige, was er wirklich kann. Doch: Dumm kann er nicht sein, es gibt keine Belege dafür, dass er weniger intelligent als viele seiner Mitstreiter im Weißen Haus wäre. Aber schlicht ist er. Und das ist ein Problem!


Standardisierung + Wettbewerbsblindheit = Schlichtheit



Donald Trump kommt aus einer Familie, in der einfache Formeln eins bedeuten: Geld.
Geld = Wohlstand, und Wohlstand wollen ja alle.
Den Wohlstand in der Gesellschaft mehren, das ist das Ziel. Wirklich?
Wenn Wohlstand nur die Menge an verfügbaren Finanzmitteln ist, den emotionalen und kulturellen Reichtum eines Menschen aber ausklammert: Laufen wir dann nicht Gefahr, als Gesellschaft zu verarmen? Ist das wirklich, was wir wollen?

Wettbewerbsblindheit macht, dass wir Druck auf Individuen ausüben, die wir trotz ihrer Einzigartigkeit alle auf eine Stufe stellen, um sie überhaupt miteinander vergleichen zu können.
Wettbewerbsblindheit macht, dass wir mit einer regelrechten Manie Standards und Normen aufstellen, an denen wir jeden einzelnen messen.
Wettbewerbsblindheit macht, dass wir alle Fähigkeiten und Potentiale beschneiden und verbiegen, damit sie zu unseren Normen und Standards passen.
Wettbewerbsblindheit sorgt dafür, dass wir alle Menschen, alle Schüler, in eine Schublade stecken.

Der Sinn von Bildung ist uns abhanden gekommen, das bloße Pauken von Methodenkompetenzen und das Voranpeitschen von Kindern zu höheren, größeren, weiteren Lernzielen verfehlt, worum es in der Bildung, in der Mensch - und Erwachsenwerdung eigentlich geht: So bekommen wir keine gesamtheitlich gebildeten Menschen mehr, die in der Lage sind, ihr Leben und die Welt ganzheitlich zu formen.
Ohne ganzheitliche Bildung - werden wir höchstens bessere Trumps.
Und das ist keine schöne Aussicht.


Was muss sich ändern?


Wir müssen Konkurrenz abbauen.
Als Konkurrenten sehen wir nur: "Was hat der, was ich nicht habe?", statt zu sehen "Was habe ich, was kann ich damit alles machen?" Wenn wir nur einer definierten Zielgerade folgen, bemühen wir uns auch nur, diese eine Zielgerade zu erreichen: Und Erster dabei zu sein.
So kommen wir nur einen Schritt weiter, als der andere.
Aber wir erreichen nie mehr, als das.
So, wie Donald Trump.

Er hätte ein großartiger Politiker sein können. Er ist ganz anders, als all seine Vorgänger, er hat Humor und weiß, wie man unterhält. Er hätte mit seiner Fähigkeit, selbst die bildungsfernsten Menschen zu bewegen, Großes vollbringen können. Er hätte sich aller Themen annehmen können und sagen können: Gemeinsam gehen wir über alle uns bekannten Ziele hinaus!
Aber weil er ein Kleingeist ist, weil er unter völliger Bildungsarmut leidet, kennt er nur:
Zielgeraden. Planvorgaben. Zahlen. Größe.
Und weil sein größter Konkurrent Barack Obama ist, und weil der schon so viel Lob eingeheimst hat, fällt ihm nichts Besseres ein, als Barack seine Lorbeeren wegzunehmen. Wenn nicht durch Leistung, dann durch Streichung der Disziplin, in der Barack sie einstmalst verdiente.

Der fette, plumpe, reiche Junge, der gern so cool und sportlich wäre, wie der schlacksige, braune Highschoolliebling, wird Schulsprecher. Er verbietet zuerst die Teilnahme an Sportwettbewerben für schlacksige, braune Kinder. Dann verbietet er Sportwettbewerbe gänzlich. Dann lässt er den Trophäenschrank, der an die Leistungen der Sportler erinnert, vernichten.
Dann fällt ihm nichts mehr ein.
Bis ihm auffällt, dass der schlacksige, braune Junge immernoch gelobt wird: für seine Arbeit in der Schülerzeitung. Die macht er dann platt. Indem er alle, die Anhänger seines Erzfeindes sind, feuert. Und durch Schleimer, die ihm huldigen, ersetzt. Er liest nie die Artikel, die über ihn verfasst werden. Er zählt nur, wie oft sein Name in jeder Ausgabe auftaucht. Das vergleicht er damit, wie oft der Name seines Konkurrenten auftaucht. Nur, wenn er öfter genannt wird, als der genannt wurde, ist er zufrieden.
Er ist ein Junge ohne eigene Werte, eigene Ideale, eigene Inhalte. Er ist ein Junge ohne Ideen.
Er ist eine geistlose Maschine, die nur zu einem Zweck gebaut wurde:
Konkurrenz vernichten, Konkurrenz überholen.


Wollen wir das für unsere Kinder?

Nein, mit Sicherheit nicht.
Deshalb sei allen Eltern, Lehrern und Bildungspolitikern an dieser Stelle gesagt:
Zensuren zeigen nur, an welcher Stelle ein Mensch im Wettrennen um die besten Plätze ins Ziel gekommen ist. Sie zeigen nur, was dieser Mensch im Rahmen fester Standards ohne Flexibilität, ohne Platz für Individualität, kann. Wenn ihr den Druck dieses Systems aufrecht erhaltet, schiebt ihr die Menschen weg von ihrem ureigenen Potential: Und macht ihnen am Ende Angst davor, es zu entfalten.
So werden wir zu China, zu einem Land von Überflüglern, die vor allem darin glänzen, die Ideen und Erfindungen anderer zu kopieren und höchstens zu verfeinern. Mit eigenen Ideen glänzen momentan immernoch wir - wenn wir wollen, dass es so bleibt, sollten wir schleunigst umdenken!




Foto wie immer von gratisography.com, Ryan McGuire

Dienstag, 5. September 2017

SCHULE - Loslassen oder Anfassen?

Führen mit festem Druck: Oder einfach nur zugucken


Seit der Einschulung unserer jüngsten Tochter ist ein Jahr vergangen. Die Aufregung der ersten Monate und das Gefühl, mein Kind ganz ganz falsch untergebracht zu haben, sind abgeklungen.
Ähnlich wie bei den Phasen der Trauer sind wir beim Stadium der Akzeptanz angekommen:
Wir akzeptieren, dass die Schule SO nichts für unsere Tochter ist.
Wir akzeptieren, dass wir momentan noch keine Alternative für sie gefunden haben.
Wir akzeptieren, dass wir diese Alternative nicht haben, weil wir unsere Tochter als Schulkind erst noch kennenlernen wollen und müssen - Step by Step.

Schule ist doof. 

"Ich mag die Schule nicht" - stellt meine Tochter nüchtern fest. Wenn andere sie kürzlich fragten "Und, freust du dich schon auf die Schule?" - es waren ja grade Sommerferien - beantwortete sie das erwartungsgemäß mit "Ja" - und gab dann Fersengeld. Bloß keine weiteren Fragen beantworten müssen. Uns sagt sie, was sie denkt. Sie mag die Konkurrenz nicht. Das Tempo ist zu hoch. Die Lehrerin zu streng. Sie kann sich nicht konzentrieren, wenn alles zu schnell geht. Sie hat Angst, Fragen zu stellen. Hilfe abzuholen. Wegen der anderen.
Wenn unsere Tochter von Schule erzählt, klingt das schon jetzt, wie wenn meine Freundinnen von ihrer Arbeit erzählen. Nach Stress pur. 

Cool bleiben. Aber wie cool?


Unsere Reaktion darauf: Entspannt bleiben. Ruhe reinbringen. Dem Kind Freiheiten lassen, zu tun, wonach ihr ist , wenn sie von der Schule kommt. Schwierig nur, dass unsere Tochter eigentlich mehr Hilfe braucht. Mathe ist so ein Kandidat. Daran beißt sie sich schon jetzt die Zähne aus. Eine Kombination aus Prüfungsstress und Talentfreiheit. Wir versuchen es mit Mathespielen. Aber die reichen offensichtlich nicht. Man müsste richtigen Stoff üben - aber dann kommt der Druck zurück. Der, dem wir hier ausweichen wollen. Wir wollen nicht Schule nachmachen, wir spielen höchstens mal Schule. Wir wollen nicht Wissen vermitteln, sondern beim Vertiefen unter die Arme greifen. Tränen über Mathespiele? Nein - that was not the plan.

Loslassen


Eine momentan viel beäugte Möglichkeit ist das Loslassen. Die Schule passt nicht zu uns Eltern, der Unterricht und die Ziele nicht so wirklich zu unseren Ideen und zu unserer Lebenswirklichkeit.
Artikel von Bloggern, die "Aussteiger" sind, also aus dem System ausgestiegen sind, oder von neuen Schulkonzepten, wie dem der NSH Hamburg, über das ein ins System Zurückgekehrter in der letzten brandeins berichtet hat, machen uns Hoffnung. Und Mut. 
Es stellt uns aber auch vor eine Herausforderung: Wie können wir neben Arbeit und Alltag den Raum schaffen, indem unsere Tochter das mitbekommt, was wir uns eigentlich von der Schule erhofft haben? 

Erziehungskompetenzen ausbauen


Wir müssen uns an die eigene Nase fassen.
Unser Kind besucht eine altmodische Schule. Wir sind das Gegenteil von altmodisch. Wir leben so modern, dass es unsere Eltern mitunter befremdet. Wir sind weltfremd, wird uns vorgehalten. Aber nicht hier. Nicht, wo wir uns ein Leben aufgebaut haben. In unserer Wahrnehmung sieht Zukunft so aus, wie unsere Nachbarschaft. Wie unser Kiez. Wie unsere vier Wände. Liberal. Weltoffen. Neugierig. Multikulturell. Wir glauben an selbstfahrende Fahrzeuge, Uber, Airbnb, Share-Communities, Recycling, Shared-Offices...also gesellschaftliche Modelle, die sich von dem, womit wir aufgewachsen sind, unterscheiden.
Jetzt heißt es unserer Tochter nicht nur vorleben, sondern beibringen, wie diese Modelle funktionieren. Erfindungsgeist, Wissensdurst, Bewusstsein schaffen...Kompetenzen, in denen wir 'ausbilden' müssen, um fürs Erste auszugleichen, was ihre Schule nicht bieten kann und wird.
Gott Lob müssen wir das Rad nicht neu erfinden - es gibt viele Kurse in einer Hauptstadt wie Berlin, die alle dasselbe wollen: Unser Geld - und formbare menschliche Geister!

Und dann?


Loslassen, statt Druck ausüben und führen. Ich erinnere mich an meine Kindheit: Weinend über Matheaufgaben gebeugt. Oder mein Bruder: Nachmittage seiner Kindheit waren dahin, eingesperrt in einem dunklen Zimmer, hoffnungslos überfordert aber auch hochgradig blockiert von all dem Druck, der in der Schule, wie auch Zuhause auf ihm lastete. Mein Bruder ist mein Vorbild. Er hat sich gegen alle Widrigkeiten Freiheit erkämpft. Die Grenzen seines Lebens hat er sich selbst ausgesucht, den Druck, den er jetzt in seiner Arbeit erlebt, hat er selbst gemacht. SELBST...das ist das Ziel. Die Antwort.
Das erste Wort unserer Jüngsten war ein langes, ausgedehntes "Neiin". Nicht laut, nicht schrill. Das ist nicht ihr Stil. Sondern klar, deutlich, nüchtern. Es war ein "-ich meine das ernst" - Nein. Was sie sagt, meint sie. Hat Hand und Fuß. Ist meist sachlich korrekt. Sie weiß, was sie will, und wenn sie kann, lebt sie danach. Druck ist nicht ihr Ding. War es nie. Wir wollen ihr zeigen, wofür sie zur Schule geht. Warum sie das alles macht. Wofür sich das lohnt. Das schafft die Schule nicht - sich attraktiv zu machen für Querdenker und Eigenbrödler. Nur, wer gern mitläuft und sich gern mit anderen misst, ist in dieser altmodischen Form von Schule gut aufgehoben. 

Wir lassen also los...wir werfen den Boomerang. Hoffentlich trifft er uns nicht!

Dienstag, 16. Mai 2017

Junge Frau (ich) & Alter Mann (er) Teil 2


Frühjahrsputz die Zweite.
Ordnung muss sein. Auch im Oberstübchen. Sortiere demnach grade meine Gedankenstapel und archiviere einzelne Ideen und Erinnerungen je nach Priorität und Erzählwert. Eine Sache, die ich loswerden will - in Anbetracht von Macron und seiner 25 Jahre älteren Frau und Ex-Lehrerin Brigitte - ist dieses Thema, das heute zufällig auch grad wieder in aller Munde ist.
Nämlich die Frage nach dem WARUM.
Warum sind wir (juhu, ich eins im Geiste mit Frankreichs neuem Präsidenten), mit ihnen zusammen: Den Menschen, die locker unsere eigenen Eltern sein könnten?
Wer meinen Blog aufmerksam verfolgt, weiß, dass ich grundsätzlich erstmal bis über beide Ohren verliebt in meinen 17-Jahre-älteren Mann bin. Das müsste eigentlich ausreichen, tut es aber nicht. Man 'glaubt' es eben nicht, kauft diese Liebe nicht ab. Ist das nicht vielleicht doch ein verkappter Vaterkomplex? Braucht Emmanuel Macron eine Leihmutti? Hat er vielleicht in Wirklichkeit Affären mit ihren hübschen Töchtern?
Es stellt sich nicht nur bei Emmanuel Macron die Frage danach, was er an dieser 'alten' Frau findet - sondern es stellt sich allgemein die Frage:
Was haben sie, was unsere gleichaltrigen Gegenstücke nicht haben/hatten?
Lassen wir also kurz bei Seite, dass Liebe 'blind' ist (oder macht) und weder Alter, noch Religion, noch Geschlecht kennt...

Hier sind ein paar Gründe, weshalb WIR kein Problem mit Partnern haben, die so alt sind, wie unsere eigenen Eltern


1. Es ist nicht ihr Geld: Es ist ihre Unabhängigkeit
Selbstbewusstsein IST manchmal eine Frage des Alters


Was haben Menschen jenseits der 40 in der Regel erreicht? Richtig: Finanzielle Unabhängigkeit! Zumindest oder insbesondere im Vergleich zu Menschen in ihren 20gern. Ist das attraktiv? JA. Nicht wegen der materiellen Güter, auf die man vielleicht mit 20 noch scharf ist, sondern wegen der Freiheiten und Entscheidungsmöglichkeiten, die ein gesichertes Einkommen mit sich bringen.
Einfältige (oder junge) Menschen denken jetzt an Reisen, Autos, Kleidung. "Toll, denen geht´s doch nur ums Geld". Na ja - JEIN. Denn Reisen, Autos, Kleidung - das können wir mit ein bisschen Disziplin oder einem ganz gut bezahlten Job eigentlich auch schon mit 20 haben. Reiseblogger sind idR nicht 40+.
Nein, wir stehen auf die Unabhängigkeit und die - nach Jahren des Berufslebens erlangte - Reife, mit den zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln gut umzugehen. Ja, ein Mensch, der Kaufentscheidungen genauso ernst nimmt, wie Lebensentscheidungen, entrückt manchen jungen Frauen (und Männern) ein entzücktes Seufzen: Das ist sexy!

2. Keine Machtkämpfe

Wer sich zum Affen macht und wer zum Obst...


Wessen Karriere geht vor?
Wer kümmert sich um die Kinder?
Wer darf sich selbst verwirklichen?
Wer ist wichtiger?
usw.

Fragen, die zu kritischen Kämpfen innerhalb jeder jungen Beziehung führen können. Ständig muss sich abgestimmt werden, schlimmer noch, es muss gekämpft werden, um das Recht auf Eigenständigkeit, auf eigene Entscheidungen, auf Dinge, die mir gut tun, nicht dir usw. Egoismus ist ganz und gar schwierig in jungen Beziehungen, wenn beide noch alles vor sich haben und die einzige Krise, die gemeistert werden muss, das Finden eines Babysitters oder das Absagen einer wichtigen Veranstaltung ist. Mit älteren Partnern muss man nicht um Ausgehzeiten, Babysitter, 'Verzicht auf' oder 'mehr Zeit für' feilschen - denn das, wonach wir uns sehnen, haben unsere älteren Partner schon alles gehabt. Sie haben die Kämpfe oder die Freiheiten erlebt, sie haben genossen, was zu genießen war und vielleicht den ein oder anderen Schaden auf Grund falsch verstandenen Freiheitsdenkens (> Scheidung) verursacht/erlitten. Fast müde können sie über jungen Enthusiasmus und das Bedürfnis, die Welt aus den Angeln zu heben, lächeln...oder als erfahrener Unterstützer von eigener (Frei-)Zeit großzügig abgeben. Sich nichts erkämpfen müssen und für die noch so abwegigste Idee mitunter sogar Beifall ernten (zB weil Geld keine so große Rolle mehr spielt): Das ist sexy!


3. Kinderfragen? Nicht vertagen
Kinder bedeuten nicht den finanziellen Ruin, aber ihr Spielzeug

Welche junge, kinderlose Frau kennt das nicht: Die Suche nach einem Mann, der bereit ist, eine Familie zu gründen. Gar nicht so einfach. Heutzutage sind so viele selbst mit 35 Jahren noch mehr Kind als Mann, dass zu Recht Zweifel aufkommen, ob denn schon genug Reife und Verantwortung für eigenen Nachwuchs vorhanden sind. So hangelt sich Frau von heute, wobei sie natürlich Zeit hat Karriere zu machen, von Beziehung zu Beziehung, ohne das Gefühl zu haben: Hier kann ich Anker legen, hier kann ich mir was für die Zukunft aufbauen. Zukunft? Die verbinden junge Männer heute mehr damit, was sie haben wollen, und weniger mit dem, was sie aufbauen möchten. Erst, wenn sämtliche Bedürfnisse befriedigt, sämtliche Statussymbole abgearbeitet und in den eigenen Besitz überführt wurden, erst wenn ER in den Spiegel schauen und sagen kann "So wollte ich immer aussehen, das wollte ich immer haben", erst dann kommt die Frage nach dem 'Mehr', nach dem 'Sinn', eben nach Geben...und nicht nur Nehmen. Zu dumm, dass Frau vor lauter Warten schon 35 geworden ist...oder 42...
Wer sich als junger Mensch mit einem älteren Partner zusammentut, hat unter Umständen das Glück gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Erstens bekommt man in der Regel einen Menschen, der schon Familienerfahrung gesammelt hat und weiß, dass Kinder nicht das Ende aller Freude sind. Zweitens, so er nicht irgendeinen Schaden in seinen letzten Beziehungen genommen hat, steht er dem Thema Familienplanung meist locker und sogar mit einem gewissen Wunsch nach Konkretheit gegenüber - denn er ist zu alt, um noch zehn Jahre zu warten: Anders als sein mittzwanzigjähriger Konkurrent, von dem Frau weiß, dass er sich ohne Umstände noch locker 10-15 Jahre Zeit nehmen kann, wenn er wollte. Wenn also die Biologie sagt "Ich will ein Baby" und das Feld vertrauenserweckender, gleichaltriger Partner mit gleichem Wunsch eher spärlich gesäht ist, dann fällt ein Familienvater mit der Option auf Zuwachs überaus positiv auf: Das ist sexy!

4. In der Ruhe liegt die Kraft

"Gut gewachsen" kann schöner sein, als "Noch im Wachstum"




Wie ist das, wenn man schon zehn Jahre seines Lebens miteinander verbracht hat? Vielleicht von 20 bis 30? Wenn man alles in Frage stellt, die Zeit, die Entscheidungen, die gemeinsame Zukunft? Nun: Scheidungen folgen nicht umsonst wie ein Kometenschauer auf den 35. Geburtstag, wie Hochzeiten auf den 28. Besser ist es da, wenn man schon einen leidgeprüften Partner mit First-Hand Erfahrungen hat: Der hat da nämlich kein zweites Mal Bock drauf! Scheidungen sind immer scheiße, eine verschwindend geringe Zahl von Ausnahmen bestätigt die Regel. Ein Mann oder eine Frau, die das Tal der Horrorscheidungen schon durchwandert haben, haben mit Glück gelernt. Sie wissen, was sie damals hätten lassen sollen, aber auch, was sie versäumt haben, zu tun. Damals waren sie vielleicht auch noch jung und der festen Überzeugung, dass etwas Besseres auf sie wartet. Dass man "das Bessere" aber erarbeiten muss, dass da Arbeit und Disziplin und Treue dazugehören, dass man eine gute Partnerschaft nicht einfach nachgeworfen kriegt, sondern dafür Schweiß und Tränen investieren muss: Das wissen sie, weil sie geläutert sind. Wenn man dann als Mittzwanziger oder Mittdreißiger nach 7 Jahren plötzlich eine "Ich stelle grad alles in Frage" - Krise hat, dann wird der andere (ältere) mit Glück nicht auf Kollisionskurs gehen, aber auch nicht auf emotionale Fußfessel setzen. Er wird hoffen, dass er dem Sturm der jungen Gefühle dieses Mal standhalten kann. Er wird darauf setzen, dass Vernunft und Reden, Reden, Reden helfen werden. Er wird alles dafür tun, dem jungen Menschen keine Last zu sein, gleichzeitig aber auch seine Liebe beweisen. Schwer sich von jemandem zu trennen, der einem weder auf die Nerven geht, noch einen rasend macht vor Wut.
Und ja, es gibt jüngere Männer und Frauen, die ihm oder ihr gefährlich werden können - doch einmal im Angesicht mit schäumender Wut oder dickköpfigem Egoismus - holt einen die Realität schnell ein, und man merkt: So einen entspannten und ruhigen Partner - fast Verhandlungspartner - wie meinen, finde ich so schnell nicht wieder. Und ganz ehrlich: Ein stolzer Baum im Garten macht doch irgendwie mehr her, als ein glänzender Grill. Der ist zudem nicht unbedingt austauschbar und macht viel weniger Arbeit! Ruhe und Weisheit: Das ist sexy!


5. Wir sind (endlich mal) die Jungen
"Sie war jedes Wochenende im Museum - Er wollte LEBEN"


Ich glaube, wer sich in einen wesentlich älteren Menschen verliebt, hat auch innere Anteile eines "älteren", also reifen, Menschen. Man ist dann vielleicht ruhiger als seine gleichaltrigen Kameraden, oder ernster, oder verantwortungsbewusster, oder hat ganz verschrobene Interessen, wie Briefmarken oder Bronzefiguren aus dem 15. Jahrhundert. Was immer es ist - es wird etwas sein, das wir in unserem Gegenüber suchen. Die Gleichaltrigen finden uns sympathisch oder sogar nett mit unserem "Anderssein", sie können aber oft nicht wirklich etwas damit anfangen. Es ist - insbesondere in Beziehungen - eben doch eher ein Bug und kein Feature, wenn man als 20-Jährige von einem 20-Jährigen erwartet, vernünftige Haushaltspläne zu führen, Partys bis zum Erbrechen (wortwörtlich) fern zu bleiben oder in eine 4-stündige französische Oper zu gehen.
"Boah du klingst wie meine Mutter", oder "Du bist voll der Opa" sind dann zwar zutreffende, aber verletzende Kommentare. Wir 'alten Jungen' können ja nichts dafür, dass uns sowas wichtig ist. Wir sind eben....anders. Unser Jugendgefühl beziehen wir aus anderen Quellen, als Feiern bis spät in die Nacht, regelmäßigen Alkoholvergiftungen oder Rave-Festivals.
Wenn wir dann einem Menschen begegnen, der unsere Spleens genauso schätzt, wie unsere Jugend...in dessen Augen wir nicht klingen, wie eine Mutter, sondern wie ein ganz besonderer und ungewöhnlicher junger Mensch: Dann hallt das Echo dieser Bewunderung lange und mit viel Nachdruck in unseren Herzen wider. Denn um unser Selbst willen geliebt und bewundert zu werden UND für unsere Jugend: Das ist sexy!

Dies sind alles Aspekte, die ältere Partner so unglaublich attraktiv machen. Und es gibt viele mehr.
Emmanuel Macron beschreibt seine Beziehung zu Brigitte übrigens als "heimliche Komplizenschaft" - ich würde meinen Hintern darauf verwetten, dass die allermeisten Beziehungen zwischen 'Jung&Alt' den Flair eines verschworenen 2er-Clubs haben. Bei mir ist das jedenfalls so...

Wenn ihr jetzt neidisch auf eure schwieriger werdende "gleichaltrigen-Beziehung" schielt: Don´t worry! Es gibt im Freundeskreis unserer älteren Partner zahllose Paare, die die Stürme einer jungen Beziehung gemeistert und hinter sich gelassen haben.
Beides kann halt richtig gut funktionieren - es ist eben egal, wo die Liebe hinfällt:
Man muss sie nur richtig angehen!



Fotos wie immer von McGuire Fotos: gratisography.com


Mittwoch, 10. Mai 2017

Die haben Sex! - und andere 'Probleme' mit Jugendlichen

Von Blümchen & Brummern

Ich dachte, ich bin locker. So wie jeder denkt "Ich bin locker".

Sex ist das normalste der Welt. Hatten schon die Römer.
Älter als das Rad. Null problemo! Dachte ich. 
Aus der Praxis und empirischen Studien heraus wusste ich zudem:
Sex ist an und für sich ne gute Sache. Würde ich meinen Kindern weiterempfehlen. Später. 
Natürlich! Zumindest hatte ich nie vor ihn nicht zu empfehlen. Auch beim Thema Alter war ich mir sicher: Es gibt keinen 'richtigen' Zeitpunkt. Ich vertraute darauf, dass unsere Kinder vernünftig und selbstbewusst genug waren, um auf ihren Körper zu hören und den richtigen Zeitpunkt selbst zu finden. Sex mit 14? Wenn es der Wunsch von beiden ist - Why not? Dachte ich.
Und wo gehört Sex hin? Na nach Hause. An einen sicheren Ort. An einen Ort, wo man kein Safe-Word braucht, wo man entspannen kann. Entspannt und sicher, ohne Zwang und ohne Angst: So sollte Sex sein. Vor allem der meiner Kinder. Dachte ich.

Dann war plötzlich 'später'. Und ihr Sex sprang mir mit blankem Hintern mitten ins Gesicht! Völlig unerwartet mutierte ich vom Nachfahre tiefenentspannter Römer zu einem verzweifelten Spießer.
Sex - igitt! Mussten die den dauernd haben? Und: mussten die dafür immer zu uns kommen? 
Jeder Ort war mir plötzlich recht: Auf dem mit Plastikglitter bedecktem Partykellerboden, auf der splitterigen Parkbank, auf dem Rücksitz der Autos von anderen Leuten, im Freibad, bei IRGENDWEM, aber bitte doch nicht dauernd bei uns! Wieso kamen die immer zu uns...bei uns...?


Es fing mit den String-Tangas und den Boxershorts an. 

Derer gab es zu viele, es waren nicht unsere, und sie hafteten an den viel zu wenig bedeckten Körpern der ungenierten Jugend, in deren Gegenwart man sich die Wiedereinfuhr einer globalen Kleiderordnung wünschte, die das Zeigen von sekundären Geschlechtsmerkmalen unter Strafe stellte. Sixpacks und Brustwarzen eingeschlossen. 
Die neue Körperhaftigkeit blieb jedoch nur eine der Herausforderungen im Angesicht der schamlos produzierten Geschlechtsreife. Da gab es außerdem Taschentücher, die nicht ordnungsgemäß entsorgt worden waren, und deshalb von uns beseitig werden mussten. Und es gab DAS Zimmer, das stunden- und tagelang nicht genutzt werden konnten. Besetzt wie im Stunden (Tages-)hotel, zu dem sich der elterliche Wohnraum unfreiwillig herabdegradiert fühlte. Die Tür öffnete und schloss sich maßgeblich nur noch, um Nahrungsmittel aufzunehmen oder - gemeinsam, was denn sonst - zu duschen. Kommunikation reduzierte sich auf ein Minimum:"Können wir heute Abend kommen?" - wir wussten, sie würden es eh tun. Beides.
Wenigstens den Abort teilten sie sich nicht. Doch der permanente Trieb der Jugend war und blieb nicht das einzige Problem der körperlichen Erweckung. Da hingen noch andere Aufgaben für inneren Wachstum dran. Denn: Es war ja nicht nur unser Kind, das uns zum peinlichen Sittenwächter machte. Es war auch und insbesondere das Kind der anderen, das da ständig im Schlepptau unseres nicht mehr ganz so heiligen Schatzes antanzte, das uns Eltern zu unverhohlener Skepsis gemahnte. 
Wer war dieser Eindringling, der das ganze gewohnte und bequem gewordene Miteinander so vollkommen und so selbstverständlich veränderte? Und was gab ihm das Recht dazu? Doch nicht der ohnehin ziellose Sexakt mit unserem Schützling, der ja offensichtlich nicht im Sinne des Papstes war! Plötzlich muss man seinen Wohn - und schon lange nicht mehr Naherholungsraum nicht nur mit neuen Geräuschen und zutiefst gewöhnungsbedürftigen Tatsachen (den berühmten "nackten" ...) teilen, sondern auch noch mit diesem Fremden, der einem wie selbstverständlich präsentiert und installiert wurde, so, als ob die kindliche Software über Nacht ein Windows- Update erfahren hatte, zu dem als neuer Standard der aus parentaler Sicht kaum sinnstiftende Funktionen habende Begleiter dazugehörte. Konnte das Liebe sein?
Wieder etwas, woran Eltern (und auch Stiefeltern!) sich gewöhnen müssen. Im Leben des Kindes gibt es einen Menschen, an den wir uns gewöhnen müssen, ob es uns passt, oder nicht. Man fühlt sich mit seinem jüngeren Ich konfrontiert...erinnert sich an diese Liebe, die so groß und grenzenlos (!) war, die ständig scheinbar feindseligen Hieben aus der erwachsenen und vor allem elterlichen Welt ausgesetzt war. Sie schien unerwünscht, falsch und führte zu Konflikten und Missstimmungen, dabei war sie doch eine ganz reine, aufrichtige Liebe, eine begeisterte Narrheit für den Körper und alle Macken eines anderen Menschen, der wir ganz und gar anheim gefallen waren.
Man erinnert sich an die Missbilligung der eigenen Eltern, das "Das hält ja eh nicht", fühlt noch die Wut darüber, weshalb scheinbar niemand einem dieses überirdische Glück gönnen will...und kriegt, als man vom erstickten Dröhnen des Staubsaugers jäh aus seinen Gedanken gerissen wird, einen weiteren Kotzanfall: Ein altes Taschentuch wurde aufgesaugt und verstopft die Leitung....sinnbildlicher geht es nicht.

Zeit, zu gehen

Ich erinnere mich an die Blicke der Eltern, die vor meinem eigenen Elternsein auf mich und meine Liebe herabblickten. Über sie urteilten. Und sie sogar maßregelten, wie die Mutter meiner ersten Liebe, die sich in einer überaus übergriffigen Weise zu mir einlud, um mir in Ruhe all meine jugendlichen Fehler aufzuzählen und mir Mäßigung und Züchtigkeit empfahl, da beides - ihrer Meinung nach - für alle von Vorteil wäre. Ich zitiere sie aus einem Brief, den sie damals meinem heiß geliebten Freund schickte, und erkenne, bei aller Abscheu, auch ein kleines Bisschen mich selbst in ihren Worten...

"...deine Bonnie ist nur ein billiges Partyflittchen..."*

So schrieb diese Mutter, übrigens damals prakitzierende Lehrerin auch für Kinder meines damals zarten, jugendlichen Alters, über mich. Witziger Weise in einem Brief, der darauf hinaus zielte ihren Sohn davon zu überzeugen, dass sie nur das Beste für ihn wolle. Ich formuliere es mal so: Sie hat ihr Ziel unerwarteter Weise verfehlt. Die Beziehung hielt fast 4 Jahre lang und er war davon überzeugt, sie wolle ihn zerstören.
Aber was wollte sie eigentlich sagen? Was empfand sie wohl, als sie mich mit meinen fast 90 Kilo in Kleidung, die vorrangig ihrem Sohn und nicht ihr gefallen sollte, zu sehen bekam? Als wir uns stundenlang in ihrer Wohnung einschlossen, nur gelegentlich aus seinem Zimmer huschend, um zu duschen oder neue Energie in ihrer Küche zu tanken? Was störte sie an uns, die wir uns doch nur liebten, heiß und innig? Die glaubten, gemeinsam die Welt aus den Angeln heben zu können und fanden, dass es nichts Schöneres auf der Welt gab, als die körperliche Nähe (=Liebe) zu dem Menschen, der uns alles bedeutete? Mehr, als unsere eigenen Eltern?

Ich weiß es: Sie war überfordert. Sie war genervt. Sie war besorgt. Sie verstand nicht. Sie hatte auch kein Verständnis. Obwohl sie selbst täglich mit Jugendlichen arbeitete und inzwischen den dritten Jugendlichen durch die Pubertät begleitete, verstand sie uns nicht. Hatte sie vergessen, wie jugendliche Liebe war. Wollte sie ihren Lebens - und Rückzugsraum nicht mit etwas teilen, das ihr bitter aufstieß. Alles war falsch an uns, egal, wie richtig wir einander füreinander empfanden.
Es passte nicht in ihr Haus, so wie es nicht in ihre Gedankenwelt passte. Eines bedingt das andere.

Das Problem mit Jugendlichen

ist, dass sie nicht immer (haha) so sind, wie wir sie gern hätten.
Unsere eigene Brut können wir dann zwar maßregeln (Deine Freundin ist eni Partyflittchen), aber wir können sie auch tolerieren. Wir lieben sie, egal wer und wie sie sind.
Bei anderen fällt uns das viel schwerer. Und umso mehr, wenn wir das Gefühl haben, dass sie einen negativen Einfluss auf unsere Kinder haben.

Mein Freund und ich haben damals eine Wohnung gesucht und gefunden. Das war eine großartige Erfahrung. Freiheit und die Möglichkeit uns so zu lieben, wie wir es wollten und für richtig hielten - ohne die ständige Missbilligung unserer Umgebung im Nacken. Im Stringtanga und in Boxershorts durch unsere eigenen vier Wände hüpfend, halb nackt füreinander kochend, ganze Wochenenden im Schlafzimmer verbringend: Das war schön. Und es war gut und richtig, dass wir endlich einen räumlichen Abstand zwischen unsere Privatsphäre und die unserer Eltern gebracht hatten, auf die wir damals kaum Rücksicht genommen hatten, selbst, wenn wir es uns einbildeten.

History repeats itself...

und so wiederholt sich auch diese Geschichte. Ein Auszug steht an. Und mit ihm einhergehend: Ein Zusammenzug. Unsere Kinder, die der anderen und unsere eigenen, werden erwachsen. Spätestens dann, wenn ihre Liebe wie ein Waldbrand ist und die älteren Baumbestände bedroht, wird es Zeit, sich etwas eigenes zu suchen. Es ist ja auch lästig, der jungen Liebe ständig Regeln aufzuzwingen. Kein verliebter, sexhungriger Mensch versteht "Bitte nur an Wochenenden" - gekränkt sind sie, weil sie nicht so Sex und Liebe teilen können, wie sie es möchten. Und wer könnte es ihnen verübeln - wollen wir "Altvorderen" doch dasselbe für uns. Man muss es ein paar Jahre aushalten...Glück hat, wer verklemmte oder spätzündende Kinder hat ;-) Das wird ja dann erst ein Problem, wenn sich das nie ändert, aber man hat definitiv ruhigere Nächte während der Jugendjahre. 
Wenn diese "Körperstürme" aus dem Haus und in die eigenen vier Wände fegen, kehrt unegwohnt viel Ruhe ein. Zeit, zurückzublicken und sich zu freuen, was für erwachsene und selbstbewusste Kinder man hat. Von außen betrachtet und auf Distanz, lässt sich diese Erkenntnis sehr genießen.
Und wie ein bedrohlicher Scheinriese schrumpft auch der erwählte Liebespartner aus der Ferne mitunter zu Normgröße herunter, wo man ihn dann von Aug zu Aug anerkennen und vielleicht sogar mögen kann.

"Die haben SEX" - ein Kapitel, das uns durchaus kälter erwischen kann, als uns lieb ist ;-)

*
Meine Eltern waren - by the way - nicht besser oder netter. Auch sie fanden meinen Freund gelinde gesagt "scheiße". Sie haben sich mit Sicherheit etwas Besseres für mich vorgestellt, dass ausgerechnet er ihre zarte, feinfühlige, kluge, tolle Tochter....nein, das ging gar nicht.
"Du stinkst, wie ein ganzer Aschenbecher" war denn auch eine Begrüßung, die die Kluft zwischen Sympathie und Antipathie nicht besser hätte aufzeigen können. Sie war für meinen Freund unüberwindbar.



Foto wie immer von Ryan McGuire by gratisography.com



Dienstag, 14. März 2017

7-12 Jährige: Warum das die wichtigste Zeit im Leben deines Kindes ist

Es sieht nicht nur so aus: Der Sprung ging wirklich daneben


In meinem Artikel über Schulernüchterung habe ich begonnen, das 'System' anzuzweifeln. 
Meiner Erstklässler-Tochter ging es nicht gut mit all den auf sie einprasselnden Erwartungen und Forderungen. Natürlich habe ich mich als Mutter gefragt, ob ich versäumt habe, sie auf das "richtige Leben" vorzubereiten. Hätte ich auch mehr fordern sollen? Sie mehr im schulischen Sinne disziplinieren? Hätte ich mit ihr Vorschulunterricht machen sollen, weil ich doch wusste, dass in ihrer speziellen Kita kein solcher Unterricht stattfand?

Nach 6 Monaten Schule, vielen Fragen und Sorgen, bin ich endlich zu dieser Erkenntnis gekommen:
Ich habe mir nichts zu schulden kommen lassen!
Und auch das System Schule hat sich nichts zu schulden kommen lassen....

Nein, WEDER ich NOCH die Schule sind das Problem, sondern unser aller Umgang mit Kindern in diesem Alter. Meine Tochter wird Ende dieser Woche 7 Jahre alt: Es wird Zeit, dass ich eine Bresche für Kinder in ihrem Alter schlage. Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass Kinder zwischen 7 und 12 Jahren vergessen werden. Sie existieren gar nicht mit ihren Bedürfnissen und Eigenheiten, sie sind uns nur mit Eigenarten und Unannehmlichkeiten bewusst.

Dieser Artikel möchte Eltern und mit Kindern Arbeitende gleichermaßen dazu bewegen, den Schutzraum "Kindheit" über das 6. Lebensjahr hinaus, ja über die Schulanfangsphase hinaus, aufrecht zu erhalten.
Warum? Weil wir Gefahr laufen in genau diesem Alter unsere Kinder zu verkorksen!
Kannste überall lesen: Auffälligkeiten im Erwachsenenalter, bis hin zu Suizid, psychische Leiden wie Angststörungen usw., werden in der Regel vor allem mit Rückschlüssen auf Erlebnisse in diesem wichtigen Alter, nämlich die Zeit nach Mamas Rockzipfel und vor der Pubertät, erklärt.

Fangen wir also "hinten" an:
Die Generation Y & andere Phänomene der neuen Jugend

"Auszubildende sind überhaupt nicht mehr zu gebrauchen"
"Azubi-Albtraum: Jugendliche und junge Erwachsene, die nichts mit ihren Körpern anzufangen wissen, zwei linke Hände haben, keine noch so einfachen Probleme lösen können, nur mit großer Unlust Aufgaben erledigen..."
"Steigende Rate von Studiumsabbrechern"
"Immer mehr Studenten mit Burnout"
"Depressionen, Stresssymptome, Angststörungen nehmen unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu"
"Alkoholkonsum unter Jugendlichen steigt, Einstiegstalter sinkt, immer mehr Mädchen trinken auch"
"Was soll ich machen? Wie kann ich glücklich werden? Wer bin ich? - Fragen der Gen Y"
"Beziehungs - und Bindungsunfähigkeit: Warum immer mehr Menschen feste Beziehungen meiden"
"Adrenalin-Kick, Erlebnisreisen, Extremsport: Der Boom des Erlebnistourismus"
"Sinkende Geburtenrate: Anteil an kinderlosen Erwachsenen steigt"

usw.

Wir sprechen hier über das Alter von 16 bis 35. Das Alter, das eigentlich "die beste Zeit unseres Lebens" sein soll. Jung, dynamisch, frei. Voller Chancen, voller Träume, voller Kraft und Ausdauer. Ohne Angst im Nacken. Geborene Revoluzzer, Querdenker, Links im Herz, Gerechtigkeit im Kopf, fit und flexibel. Der Inbegriff von J U N G.

Aber merkwürdig: Man kennt immer mehr von diesen irgendwie alt oder sinnentleert wirkenden jungen Leuten.
"Die sind ja älter als wir", höre ich meine Mutter (60) und ihre Freundinnen lästern, die in ihren jungen Jahren mein Elternalbtraum gewesen wäre (Hallo, Mama ;-)). Ich schließe mich innerlich nicht selten an. Ich kann das nicht so sehr an deren Lebensentwürfen festmachen, wie an den Gedanken und Sorgen, die die jungen Leute mit mir, meinen Freunden oder in sozialen Medien teilen. Die haben lauter Probleme.
Mein Gott, wovor die alles Angst haben! Was denen alles Sorgen bereitet: Lebt eigentlich einer von denen, oder schützen sie zu leben vor, weil sie "Angst haben, sonst was zu verpassen"?
Und diese grassierende Angst vor Verantwortung - woher kommt das bloß? Kann denn keiner mehr ein Problem wuppen? Hej, wir haben Fukushima, Bankenkrise, Immobilienpleiten, George W Bush, Obama uvm überlebt: Da werdet ihr ja wohl ein paar schlaflose Nächte, ein paar anstrengende Berufsjahre, ein bisschen Pech in der Liebe usw. verkraften? Oder?

Warum ist heute "alles so schwer"? 
Wenn man sich "die Altvorderen" anhört, war damals auch nicht alles leichter. Wenn ich das Selbstmitleid der Scheidungskinder anhöre, schüttele ich innerlich nicht selten den Kopf: Haben alles, jammern aber auf höchstem Niveau, denken, sie wären irgendwie Opfer der Umstände. Hallo? In den allermeisten Familien gibt es familiäre Brüche, oder Arbeitslosigkeit und damit einhergehend negative Veränderungen, Alkoholismus, Missbrauch, Arbeit und Leben am Armutslimit trotz Vollzeitbeschäftigung, Schlüsselkindheit, Plattenbau, Vernachlässigung am Nachmittag, Ausgrenzung wegen irgendwas, Mobbing in der Schule und am Arbeitsplatz, Halbgeschwister, Zweitehen, gestorbene oder weggezogene Elternteile usw usf. Aber das war für die Mehrheit kein Grund, nicht erwachsen zu werden und das Leben am Schopf (oder an den Hörnern) zu packen.

Also nochmal: Warum ist heute alles so schwer?
Die Antwort - meiner Meinung nach: Wir nehmen den Kindern die Kindheit (zu früh) weg.

Es ist nicht zwangsläufig der Fernseher, der Computer, der Geigenkurs, der Fußballverein, die SCHULE oder irgendeine andere Form von Alltagsbeschäftigung, die unseren Kindern das Leben als Erwachsene schwer machen (und als Kinder, nicht vergessen!). Es ist eben das, was sie NICHT tun, das fehlt.

Beispiele:
Ich versuche seit Wochen meine Tochter mit ihren Kitafreunden und Schulfreunden zu verabreden. Bei ganz vielen klappt das nicht, schon gar nicht spontan. Die anderen Kinder haben einfach so viel zu tun. Und wenn sie mal nichts zu tun haben, sollen sie sich "ausruhen". Also wie ein Erwachsener, der nach einem langen Arbeitstag mal eine Auszeit ohne Input braucht.
Ich bin inzwischen zu der Überzeugung gekommen (und liege in unserem Fall goldrichtig), dass mein Kind allein, zu Hause, unter unserer elterlichen Anwesenheit und regelmäßigen Bevormundung NICHT ausruhen kann. Mein Kind kann hier mit mir allein zu Hause NICHT entspannen. Mein Kind braucht dazu andere Kinder. Und - ganz wichtig - KEINE Regeln. Keine Bevormundung. Kein
"Nicht so laut, nicht so wild, bitte nicht hier, bitte nicht das, bitte nicht dorthin".
Mein Kind braucht Zeit für Freiheit.
Freiheit darf man als Eltern nicht mit "Frei von allem", sondern MUSS man als vor allem "Frei von Erwachsenen" verstehen.
Mir ist erst kürzlich klar geworden, dass ich nicht normal bin, weil ich immer mal wieder 2 oder 3 Freunde meiner Tochter zu uns einlade. Mich stört der Lärm nicht: Ich weiß und genieße, dass mein Kind glücklich ist. Es folgen Beweisfotos, die zeigen: Hier steppt der Bär und das ist akzeptiert (solange danach ohne Murren gemeinsam aufgeräumt wird).


Andere Mütter fragten dann ungläubig 
"Echt? Das tust du dir an?" oder lassen mich wissen, dass sie mich dafür bewundern. Das schmeichelte mir, aber ich habe es ehrlich auch überhaupt nicht gerafft. Was ist daran besonders? Jetzt ist mir das langsam klarer, und ich finde die Erkenntnis irgendwie ernüchternd: Den meisten sind mehr als zwei Kinder zu viel. Das klingt jetzt banal, aber für mich war das eine echte Erkenntnis. Was heißt das aber für unsere Kinder, die immer nur in kontrolliertem Rahmen, zu kontrollierten Zeiten, unter erwachsener Aufsicht, "Kind sein" dürfen?
Das heißt, dass sie eben nicht gänzlich Kind sein dürfen, sondern stets und zu jeder Zeit nur die beschnittene, unterdrückte Version ihrer Selbst.


Als Kind probiert man gefährliche oder riskante Dinge aus. Man hat gehört "Das ist verboten" oder "Das ist gefährlich", man weiß aber einfach nicht WARUM, wenn man es nicht selbst ausprobiert hat. 
Ich war so frei meiner Tochter und ihrer Freundin (klar, ich habe vorher die Eltern um Erlaubnis gebeten) zu erlauben, für 30 Minuten alleine auf den Spielplatz auf der anderen Straßenseite zu gehen. Ich finde das normal, ich bin früher alleine durch unser Dorf gewandert und habe auf dem Spielplatz allein gespielt, wartend, dass ein anderes Kind auch kommt. Manchmal kam eins, meistens nicht. Oder nur in Begleitung von Eltern, so dass wir nicht gemeinsam gespielt haben. Die hatten ja Eltern zum "Spielen". Meiner Tochter will ich also erlauben, was ich für normal halte - obwohl wir mitten in Berlin leben. Die anderen Eltern überwinden sich dazu - oder auch nicht, weil sie Angst haben. Meine Tochter wäre an diesem Tag mit ziemlicher Sicherheit im Krankenhaus gelandet, wenn der Vater des anderen Mädchens nicht in fensternähe gesessen und den Tumult gehört hätte, der um den brechenden Ast unter meiner Tochter entstanden war. Er stürmte heraus und rettete meine Tochter, die seit sie ein Baby ist, klettern kann und das sehr sehr gut macht. Nie hätte ich mir Sorgen um sie gemacht, dass ihr ausgerechnet beim Klettern etwas passiert. 
Was wollte aber meine Tochter? Grenzen ausprobieren. Was Verbotenes, was Gefährliches tun.
Sie wollte mal gucken, ob auch ein dünner Ast sie trägt. Wie weit sie auf diesem eigentlich gehen kann. Sie wäre fast aus ca. 2 Metern Höhe auf einen fiesen, dünnen Metallzaun gekracht. Knochenbrüche inbegriffen. Garantiert. Man was hätte ich mich geärgert, erschreckt, gegrämt! Natürlich, das hätte mir in den Knochen, ja im Herzen gesessen: Aber die Wunden wären verheilt und mein Kind hätte nach anfänglicher Angst das Klettern wieder begonnen. Weil ich es ihr wieder erlaubt hätte. Weil für mich Stürze, Brüche, schlimme Verletzungen irgendwie zur Kindheit dazu gehört haben. Ich war das Schürfwunden-und Beulenmonster von Hannover! Genau, wie all meine Freunde um mich herum auch. Heute fällt ein Kind, das Verletzungen hat, richtig auf. Wenn man ein grün-blaues Gesichtchen, einen gebrochenen Arm, furchtbare Schürfwunden an den Beinen sieht, dann beschleicht einen immer das Gefühl von "Da hat jemand nicht aufgepasst" und wir verurteilen, was wir sehen. 

Denkt irgendeiner auch nur einmal
  • Da hat jemand aber Spaß gehabt! 
  • Da hat jemand aber ein wildes Abenteuer bestanden! 
  • Da hat aber jemand Grenzen ausgereizt und was dazugelernt!

Nein - wir verurteilen was wir sehen. Wir hoffen, dass unser Kind NIE so aussehen wird. Uns zieht sich das Herz angstvoll zusammen ... gut, mir nicht so sehr, wie vielen anderen. Aber ich denke, DAS ist der Fehler. Das ist, was wir unseren Kindern vorenthalten. Jetzt bitte nicht meckern "Aha, du schlägst also vor, dass wir unsere Kinder Gefahren aussetzen sollen". Das ist Quatsch.
Nein, aber ich denke, wir sollten an unsere eigene Kindheit zurückdenken und uns erinnern, welche Freiheiten wir genossen haben (wenn wir das Glück hatten). Wir sind alleine unterwegs gewesen, ohne die Angst unserer Eltern im Nacken. Wir durften auf Bäume und Gerüste klettern, ohne das angstgepeitschte Schreien unserer Eltern in den Ohren. Wir haben uns gekloppt, ohne von den Erwachsenen als Mensch verurteilt zu werden. Wir haben Mutproben bestanden und Wunden davon getragen, Geheimnisse vor Eltern gehabt, wir sind Risiken eingegangen, haben furchtbare Ängste durchlitten (vor Rotbart, dem gruseligen Mann, der vor unserer Kita auf und ab strich und vor dem wir mit pochendem Herzen weggelaufen sind, wenn wir freies Spiel im anliegenden Park hatten...ob er nun da war, oder nicht....): Wir haben GELEBT. Wir haben Dinge überwunden, Grenzen, Zwänge, Sorgen, Ängste. Wenn wir uns verletzt haben, waren nicht immer gleich Erwachsene zur Stelle. Sondern unsere Freunde. Oder niemand. Wir mussten knifflige Situationen selbst lösen und waren oft genug auf uns allein gestellt. Wir haben gelernt, einander zu vertrauen und auf eine Gruppe aus Gleichaltrigen zu bauen. Wir hatten Cliquen, Banden, Gruppen. Wir haben uns eine Welt jenseits der Augen und Ohren von Erwachsenen aufgebaut - darin galten unsere Regeln, darin wurden die Gesetze der Erwachsenenwelt erprobt und ausgereizt.

Ich behaupte DAS fehlt unseren Kindern. Diese unkontrollierte Freiheit. Das Leben als Feldmaus, nicht als Laborratte. Die ständige Beobachtung, die ständige Bewertung all ihres Handelns, die macht unsere Kinder so fragil.
Ein Erwachsener, der als Kind nicht gelebt hat - der hat entweder Angst vor dem Leben, ist überfordert von dem Leben oder "sucht" das Leben und riskiert dabei Kopf und Kragen.

Zurück zur Schule, und damit nähern wir uns dem Ende dieses Postulats:
Meine Tochter verweigert den Weg zur Schule nicht mehr.
Sie jammert nicht mehr allmorgendlich über die Schule.
Darüber, wie schwer alles ist.
Darüber, wie ungerecht alles ist.
Sie beklagt nicht mehr fortwährend, dass sie "schlecht" ist.
Natürlich: Auch die Schule bemüht sich nun um mein Kind mehr. Das sehe ich und das freut mich. Aber noch viel wichtiger: Ich bemühe mich! Und zwar darin, mein Kind mehr Kind sein zu lassen.
Sie hat einen anstrengend Tag in der Woche: Dienstag, wenn sie Geigenunterricht hat.
Alle anderen Tage dienen einem Zweck: Erholung durch Spiel.
Ich versuche sie sooft wie möglich zu verabreden. Da ihre Schulfreunde oft nicht können, verabrede ich sie auch mit ihren Kitakameraden, die erst dieses Jahr eingeschult werden. So wie heute: Wir treffen uns mit 4 Kindern im nahe gelegenen Park. Es gibt Proviant und ein freundliches "Haut ab, viel Spaß". Die Kinder sollen (und werden) losziehen und sich austoben, wir sitzen an einem vereinbarten Platz (Mama 1 und Mama 2) und unterhalten uns. Kein Auge auf die Kinder.
Kann da was passieren? Klar. Beim letzten Mal ist die Freundin meiner Tochter auch vom Baum gefallen. Das gab Tränen. Aber war ja schnell wieder gut. Das gehört dazu. Irgendwie. Leider...aber auch Gott Lob.
Ich lade bewusst immer mal wieder mehr als 1 Gast zu uns ein. Da passiert mehr in so einer Kindergruppe, da gibt es Gruppenbildung, Ausgrenzung, Anfreundung, das Suchen nach gemeinsamen Aktivitäten, Impulsvermischung...das brauchts, um später im Team klarzukommen. Teamarbeit gibt es jederorts: Besser, man hat schon in der Kindheit gelernt mit Angebern, mit Besserwissern, mit Bestimmern, mit Lügnern, mit Faulen und mit Profilsüchtigen auszukommen.
Das Konzept scheint aufzugehen. Meinem Kind "Ruhe verordnen" tue ich nicht mehr.
Ich lasse sie einfach am Wochenende lange schlafen und Samstag-, als auch Sonntagvormittag verdaddeln, ehe der Tag "losgeht". Und ich sorge dafür, dass sie unter der Woche um spätestens halb acht im Bett liegt.
Seitdem geht es ihr viiiiiel besser. Sie holt sich ihre Energie und ihre Erholung aus dem sozialen Spiel mit Gleichaltrigen. Sie holt sich dort auch ihr notwendiges Selbstbewusstsein ab und erarbeitet sich eine Rolle in der Gruppe, auf die sie stolz sein kann. Dann macht es scheinbar auch nicht mehr so viel aus, in Kopfrechnen schlechter zu sein, als andere. Dafür ist sie als Kletterfix bekannt UND beliebt für ihre tollen Spielideen. Das weiß ich nicht nur aus Intuition und Erfahrung heraus, sondern, weil mir das ihre Erzieherin im Schulhort so sagt. "Ihre Tochter beherrscht ganz oft das Spiel, sie gibt immer wieder neue Impulse. Sie ist bei allen Kindern beliebt" - und das, ohne umschwärmt zu sein. Sie wird einfach gemocht: Vielleicht, weil sie das auslebt und das ist, was die anderen auch gern wären...ein KIND.





Montag, 13. März 2017

Narzissmus-Falle: Kinder vor narzisstisch gestörten Großeltern schützen


Diva in the box 



Thomas Mann schrieb die Buddenbrooks, und darin beschrieb er nicht nur den Verfall einer bürgerlichen Familie, sondern seine Familie. Es ist eines der hochgelobtesten Bücher - auch in unserer Familie. Das vorweg genommen.....
Beschreiben wir mal ganz hypothetisch den Fall eines narzisstisch gestörten Großelternteils und wie man - rein theoretisch - sein Kind (das Enkelkind) vor ihm schützen kann.

Angenommen also, man liebt und heiratet einen Mann, der Kind eines Elternteils mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung ist. Da gibt es viel zu lernen und zu begreifen. Vor allem über das neue Schwiegereltern-teil.
Narzissten sind vor allem große Egozentriker: Alles dreht sich um sie, auch wenn sie Kinder haben. Auch wenn ihre Kinder Kinder haben. Die Partner an der Seite ihres Kindes sind zudem absolut letzt-rangig, es sei denn, sie sind "gut zu gebrauchen", um die egozentrisch-narzisstischen Bedürfnisse zu erfüllen.

Diese Eltern:

  • haben immer Recht
  • wissen immer, was das Beste für jeden ist
  • stellen utopische Ansprüche an Erfolg, Leistung, Reichtum, Attraktivität, Popularität usw
  • teilen die Welt in Gewinner und Verlierer ein
  • stellen immer unverhältnismäßige und unverhältnismäßig viele Forderungen
  • sind stets unzufrieden
  • vergleichen und kritisieren 
  • wollen alles kontrollieren
  • können andere, insbesondere die eigenen Kinder, nicht als eigenständige Individuen sehen
  • bestehen stets auf bevorzugte Behandlung
  • haben kein großes Einfühlungsvermögen
  • machen häufig herabwürdigende, kritische und abwertende Bemerkungen
  • denken stets in Form von Schuld und Unschuld, Recht und Unrecht usw.
  • suchen stets Aufmerksamkeit
  • kennen und respektieren keine persönlichen Grenzen
  • haben ein Gefühl von Großartigkeit und empfinden sich im Vergleich zu anderen als besser
  • sind lobsüchtig und lobheischend
  • sind neidisch
  • sind geringschätzig
  • sind arrogant
  • benutzen einen als Verlängerung des Selbst, sonnen sich im Erfolg des Kindes oder schämen sich über Niederlagen 
  • können Verantwortung nicht übernehmen, weisen Verantwortung stets anderen zu
  • nutzen das eigene Kind aus
  • intolerant gegenüber den kindlichen Werten und Bedürfnissen
  • "brauchen" und "nutzen" Menschen für eigene Zwecke
Das ohnehin schwierige Verhältnis zu dem Familien-Narziss wird doppelt belastet, wenn tatsächlich Nachwuchs ins Haus steht. Diese Enkel gehören - ebenso wie der eigene, erwachsene Nachwuchs - dem Narziss. Insbesondere dann, wenn er nicht missgebildet, schwierig oder sonst "schwer zu verkaufen ist", und noch mehr, wenn er "besonders" ist, und zwar im positiven Sinne: Gerade wenn der Nachwuchs besonders süß, besonders hübsch, besonders begabt, besonders lieb ist, beansprucht der Narziss dies Kind und all seine besonderen und bewundernswerten Gaben für sich. 
Dies kann bei mehrköpfigem Nachwuchs zu weiteren Spannungen führen, denn nicht alle Enkel gelingen "gleich gut" in den Augen des Narziss, und so wird gern ein Enkelkind massiv bevorzugt, während das andere entweder links liegen gelassen, oder viel bekrittelt und ermahnt wird, damit es wenigstens die Chance hat, sich an das "bessere" Enkelkind anzupassen.
Um Anpassung geht es ohnehin: Anpassung an die eigenen Vorstellungen, eigenen Bedürfnisse, eigenen Wünsche.

Ein wunderhübsches, musikalisches, charmantes, vor Witz sprühendes, kluges Kind, das sich leicht an die Hand (Leine) nehmen lässt und sich dem Wunsch und Willen des Narziss arglos fügt, ist ein TRAUM. Nein, nicht nur Traum, es ist vermutlich Reinkarnation des Narziss, was dieser dann gern erzählt, nicht nur dem (noch) glücklichen Enkelkind, sondern unter vorgehaltener Hand auch allen anderen, denen der Narziss begegnet. Sehet ein Gott ist geboren, genau wie ich einer bin! Staunt und zeigt mir eure Bewunderung!

Sollten andere Enkel existieren, so werden diese nachrangig behandelt. Um guten Willen zu zeigen und nach außen hin stets zu bestätigen, dass man ein fairer und guter Großeltern-teil ist, werden Haufen an Geschenken in gleicher Menge besorgt, nur das echte soziale Miteinander, das wahre Interesse, der Kern aller Gedanken, der Inhalt allen Redens ist und bleibt das Lieblingsenkelkind. 

Diesen Lieblingsenkel gilt es genauso vor der überwältigenden Euphorie und bis zur Unsinnigkeit anmaßenden Erwartungshaltung des Narziss zu schützen, wie die anderen Enkel vor dem bewussten Desinteresse (oder dem nur sehr vagen Interesse), der Kritik, dem ständigen Bemängeln, der Herabwürdigung und Ausgrenzung.
Der Narziss regiert mit kaltem Herzen und strenger Willkür: Auch das vergötterte Enkelkind wird allzu bald erfahren, dass es diese Art der Vergötterung nur zu einem Preis gibt, und dieser lautet "Selbstverkauf". Nur, wenn die Reinkarnation auch wirklich dem Anspruch dieser unsinnigen Betrachtung standhält, sich in keinster Weise vom goldenen Pfad der Bewunderung entfernt, bleibt er unter der fortwährenden Begünstigung, unter der immer strahlenden Sonne. Doch wehe, das Lieblingsenkelkind zeigt plötzlich Unwillen, oder noch schlimmer: Einen eigenen Willen. Wehe, es lässt sich nicht mehr so leicht lenken und formen, oder noch schlimmer: Entwickelt andere Züge, als gewollt, wird etwa "wie jemand anderes"....dann folgen Bestrafung, Liebesentzug, ein Bombardement aus Forderungen und Manipulationsversuche ohne Ende, um das verlorene Kind wieder auf den richtigen Pfad zurückzuführen.

Als Eltern muss man tatsächlich seine Kinder vor den narzisstischen Großeltern schützen. 
Der Fall vom Thron ist ebenso schmerzhaft, wie den Thron zwar zu sehen und die Vorzüge des Gekröntseins zu kennen, ihn aber nie besteigen zu dürfen. 

Hier einige sich aus der Praxis bereits als hilfreich erwiesen habene Strategien, um den Nachwuchs zu wappnen, zu stärken und zu schützen:

  • Auch, wenn es einem hart erscheint und befremdlich ist: Egozentrische Großeltern, sprich "der Narziss", brauchen Spielregeln. Und an diese müssen sie regelmäßig erinnert werden. Als Eltern muss man klar und deutlich sagen, welches Verhalten gestattet ist, und welches nicht. 
  • Wenn es zu einem Konflikt gekommen ist, sollte man dem Kind und dem "Narziss" mitteilen, dass darüber stets und zeitnah zu informieren ist. 
  • Dem eigenen Kind und seinen Aussagen Glauben und Vertrauen schenken, ist wichtig, damit es sich nicht von dem, was der Narziss anders sieht, in seiner eigenen Wahrnehmung verunsichern lässt
  • Jede Art von Herabwürdigung ("Das sollte XY längst können, alle anderen können das auch", "Das kann XY doch gar nicht, dazu ist XY zu ....", "XY sieht aus, wie ein/e...."), Beschuldigung und Kritik muss im Keim erstickt und sofort blockiert werden.
    Das Kind aus dem Raum schicken ("Hol mal schnell XY"), den Narziss einfach unterbrechen, das Kind häufig und besonders in Anwesenheit des Narziss loben, das Thema wechseln und bei besonders hartem Fehlverhalten den Besuch beenden sind legitime Mittel, um die Seele des Nachwuchses zu schützen.
  • Sich Entschuldigen tut man für etwas, das man falsch gemacht hat. Man entschuldigt sich nicht für alles, nur, um es anderen Recht zu machen: Das muss (jedes) Kind lernen.
  • Nein heißt Nein. Auch, wenn es grade bei Kleinkindern auf Grund ihrer eingeschränkten Reife oft zu einem Nein-Überschuss führen kann, ist es wichtig und richtig dem Kind beizubringen, Grenzen zu setzen und sich für diese gesetzten Grenzen stark zu machen.
    "Ich will das nicht hören"
    "Ich will das nicht sehen"
    "Ich will das nicht tun"
    "Ich will das nicht sagen"
    sind wichtige, starke Sätze, die ein Kind sagen können sollte, um sich gegen Manipulation und Grenzüberschreitungen des Narziss zur Wehr zu setzen. 
  • Erwachsene klären das unter Erwachsenen: Diese goldene Regel sollte jedes Kind verinnerlichen und als Freibrief aus unangenehmen Situationen mit dem Narziss (und anderen Erwachsenen) nutzen dürfen. Wenn ein Konflikt entstanden ist, den zu lösen das Kind nicht im Stande ist (und das gilt bei Konflikten mit dem Narziss mit Sicherheit zu 90%), dann soll die Verantwortung auf die Erwachsenen übertragen werden.
  • Ehrlich währt am längsten. Diese basale Grundregel bedeutet:
    Der Narziss und Du habt keine Geheimnisse vor niemandem!
    Der Narziss darf dir nichts sagen und nichts antun, was andere auch nicht dürfen: Sag uns alles!
    Der Narziss hat dir Dinge gesagt, die dich verstören, traurig oder wütend machen? Rede darüber!
  • Und - im Notfall - "Time Out für den Narziss". Wenn der Narziss für große Konflikte oder gar Verletzungen gesorgt hat, ist es legitim dem Nachwuchs eine Kontakt-Pause zuzugestehen. Diese wird von den Erwachsenen genutzt, den Konflikt möglichst beizulegen. 
  • Zuletzt: Weniger ist mehr. Je häufiger Kontakt besteht und je länger dieser Kontakt anhält, desto größer die Gefahr für Verletzungen, Grenzüberschreitungen, Respektlosigkeit. Lieber Kontakt in kleinen, liebevollen (und kontrollierten) Dosen, als häufiger, lang anhaltender und unkontrollierter Kontakt. Denn so fällt es dem Kind immer schwerer, sich aus der Manipulation und der Willkür des Narziss frei zu machen.
Ich hoffe, dieser Artikel hilft EUCH als Eltern, eure Kinder vor narzisstischen Großeltern-teilen zu schützen. Eine Kontaktsperre sollte immer das letzte Mittel sein, wenn alles andere versagt hat. Aber grundsätzlich sollte jeder Kontakt nur in Form einer "Versuchsanordnung" stattfinden. Wenn der "Versuch" scheitert, muss an den Rahmenparametern erst gearbeitet werden, ehe ein neuer "Versuch" stattfinden kann.

Wer mehr zu dem Thema erfahren möchte, kann mich gern anschreiben.
Ich habe zufällig viel Erfahrung auf diesem Gebiet....

P.S. Foto wie immer von RyanMcGuire by gratisography.com


Freitag, 13. Januar 2017

MamaGedanken
Äh..kann man das noch umtauschen? Schulfragen

Verwahranstalt Schule?

Zweifel

Meine Kleine ist nun da angekommen, wo ich sie ursprünglich freiwillig hingeschickt habe. In der Schule. Stolz und mit einer großen Portion mulmiger Gefühle hat sie diesen Schritt gemacht. Mutiger und stärker, als ich damals. Oder als ihr Papa. Unsere Elternherzen platzten vor Stolz und vor allem vor Freude. Endlich Schule, ja! Endlich nicht mehr boring Kita, schluss mit Sandkasten und Schaukeln, jetzt fängt die Auseinandersetzung mit Hirn und Herz an!
Jetzt - nur 4 Monate und 2 Wochen später habe ich Zweifel. 
Vielleicht ist die Schule doch nicht so ein toller Ort.

Wer bist du und was hast du mit meiner Tochter gemacht?


Unsere Jüngste ist toll! Das kann ich so behaupten, ich kenn sie ja. Du nicht! Sie ist witzig, clever, vernünftig, selbstständig, stark, loyal, lieb, aufmerksam, freundlich, immer gut gelaunt und hat einen ganz eigenen Charakter, nicht 0-8-15 und schon gar nicht 'typisch' irgendwas. Sie gibt Rätsel auf, ohne besonders rätselhaft zu sein, sie ist einfach ein bisschen anders. Auf eine schöne, angenehme Weise, weshalb sie bei Eltern gern gesehener Gast und bei Kindern jeden Alters beliebt ist.
Zumindest traf diese Beschreibung auf mein Kind VOR der Einschulung zu.
Nach kürzester Zeit in der Schule mutierte sie zu einem kleinen Ekelpaket.
Übellaunig, missmutig, zänkisch, maulig, jammerig, unzufrieden mit sich und der Welt, meckerig, voller Schimpf und Kritik, undankbar und pessimistisch - dieses Kind bekomme ich unter der Woche regelmäßig aus der Schule nach Hause geschickt. Gut, ich habe zwar meine Tricks ihrem Vollzeitjobber-Karrieretief-Blues entgegenzuwirken, aber ich MUSS das auch - sonst geht´s ihr nicht gut. In den Weihnachtsferien kam die angenehme Überraschung: Unser personifiziertes Ekel wurde wieder, wer sie einst war. Nach einem Tag Ferieneingewöhnung war die Haftfläche für Unmut auf die Größe eines Popels geschrumpft und all der Pessimismus wie weggeblasen. Es waren traumhaft schöne Ferien, ohne dass wir auch nur einen Tag im Urlaub gewesen wären.
Kaum in der Schule zurück, beginnt sich der Frust wieder in jede Pore meines Sonnenscheins einzuarbeiten. Es ist, als hätte man ein sonnengelbes Gemälde gemalt und jemandem erlaubt mit Schwarz ein paar Schatten reinzumalen. Kein Wunder, dass das Strahlen weg ist. 

Ist das die Schule, oder ist das mein Kind?


Nun könnte man ja meinen, dass das alles an unserem Kind liegt. Und damit an uns Eltern, ist ja unser Produkt Marke Eigenbau. Aber was hätten wir tun sollen, besser machen sollen?
Unser Kind kann sich seine Zeit perfekt ohne moderne Medien einteilen.
Es kann den ganzen Tag beschäftigt sein und Aufräumen, einem Gefallen tun oder in Bücher schauen und Malen gehören zu diesen Beschäftigungen dazu. Es hat gelernt, seine Stärken einzuschätzen und einzusetzen und wird von uns nicht sinnlos mit "toll gemacht" gelobt, sondern konstruktiv mit "ich sehe du hast dir viel Mühe gegeben, der XY ist viel besser, als der letzte". Ich habe sie Konsequenzen lernen lassen, auch wenn mir das böse Blicke und Kritik von Erziehern eingebracht hat.
"Ihr Kind hatte heute keine Gummistiefel an, es war nass bis auf die Knochen".
Ich wusste das schon am Morgen, als mein Kind sich weigerte, Gummistiefel anzuziehen.
Ich habe erklärt, was passiert, wenn es keine Stiefel anziehen mag und weshalb die anderen Schuhe (Stoffsneaker) nicht für einen regnerischen Tag im Wald geeignet sind.
Am Nachmittag hatte sie die Quittung bekommen, genau was ich prophezeit hatte.
Die Erzieherinnen schütteln darüber den Kopf "Sowas können die noch nicht entscheiden" - deren Kinder vielleicht nicht, aber meins schon. Ich habe NIE wieder über irgendein Paar Schuhe diskutieren müssen.
Lasse ich sie am Kopf frieren? Ja - einmal, das reicht in der Regel. Meine Tochter ist 6 Jahre alt und sagt beim Rausgehen "Ich will jetzt keine Mütze anziehen, mir ist so warm. Kannst du mir eine einpacken, für später?" Keine Ahnung, was genau ich mir vorwerfen lassen kann - aber nicht, dass mein Kind bei uns nichts gelernt hat und deshalb ungeeignet für die Schule wäre.
Ihre Lehrerin ließ uns wissen, dass sie sehr fleißig sei - unsere Tochter. Sehr brav. Sehr still. Sehr angepasst. Dass sie unglücklich ist, merkt sie nicht. Na ja, doch, das tägliche seit Wochen anhaltende Einnässen, das ist schon irgendwann aufgefallen. Und es klappt auch nur mit regelmäßiger Ermahnung durch die Erzieherin, das Trockenbleiben. Aber so unwohl...scheint sich Töchterchen nicht zu fühlen. Wird sie gefragt "Na, wie gefällt dir die Schule" - sagt sie "Gut" und haut schnell ab.
Aber wir wissen, dass der Eisberg unter der Wasseroberfläche grade einen hässlichen Riss in die tragende Wand unseres Babybootes zieht. "Die Schule ist kein freundlicher Ort, Mama".

Leistungsdruck, der ewige Vergleich, Neid und So klein mit Hut


"Ihre Tochter kann noch nicht im Zahlenraum bis 20 rechnen".
"Ihre Tochter kann nicht gut zählen, etwa in 2er Schritten oder über 30 hinaus".

Das erfahren wir nach 5 Wochen Schule. Es ist unser erstes Elterngespräch und es ist immernoch die erste Klasse. Unsere Tochter konnte 5 Wochen vorher überhaupt nicht rechnen und wir fanden toll, dass sie es schaffte, locker bis 29 zu zählen. Sie konnte auch noch nicht schreiben, außer ein paar Buchstaben und ihrem Namen. Und lesen?

"Ihre Tochter braucht mehr Übung. Sie macht viele Fehler beim Lesen."

Deshalb ist unsere Tochter auch schon in Förderprogrammen drin. Da wird nicht lang gefackelt. Sie und alle anderen haben schon gecheckt, dass unsere Tochter nicht gut genug ist und ohne Förderung nicht mithalten können wird. Mein Mann und ich staunen. Zählen in 2er Schritten nach 5 Wochen? Hä? Rechnen im Zahlenraum bis 20 - wir waren bis eben noch glücklich, dass sie mit ihren Fingern schon Zahlen bis 10 addieren kann. Was?

Die Quittung kommt natürlich in Form von Frust.
"Alle sind besser als ich."
"Ich bin schlecht."
"Die Jungs machen sich lustig über mich, weil ich nicht so gut im Kopfrechnen bin."
"Ich mache immer alles falsch."
"Keiner braucht mich."
"X, Y und Z sind viel weiter als ich. Die haben schon neue Hefte bekommen. Ich kann nichts.
Ich bin immernoch in meinem alten Heft."

Irgendwie hatte ich mir das Feedback aus der ersten Klasse anders vorgestellt. Nach 5 Wochen hätte ich erwartet zu hören, dass oder wie unsere Tochter sich eingewöhnt, wie die Klassenkonstellation ist, welche Kinder gut zusammenarbeiten können, wo die Stärken unserer Tochter zu liegen scheinen und wo sie aktiv zum Mitmachen bewegt wird und sich schon präsentieren kann. Aber ich bin ja keine Lehrerin - vermutlich sind diese Mitarbeitergespräche Wunschträume aus dem Parkbereich von Disneyland. Unsere Tochter möchte jedenfalls nicht mehr in die Schule gehen. Sie ist hartnäckig, das war sie schon immer, weshalb sie mich das seit Wochen jeden morgen wissen lässt. Da sie auch pflichtbewusst ist, geht sie trotzdem ohne Theater - aber mit diesem langen, traurigen "Ich wünschte, ich wäre woanders" - Blick. Hat sie sich je auf die Schule gefreut? Bis jetzt noch kein einziges Mal. Kann ja noch kommen. Kann...

Ich packe meinen Koffer und nehme mit...


Das ist mein Gefühl. Ich bin enttäuscht. Viele Kleinigkeiten, von der Art wie Informationen an uns Eltern getragen werden, über den Mangel an Motivation, über das Konzept Schelte und Förderung bis hin zu meinem kleinen Unglücksraben, der sich einen besseren Ort zum Verweilen wünscht, mobilisieren in mir den Fluchtmotor. Abhauen! Nicht in den Urlaub, wie alle anderen - sondern aus dem System. Wie manche.
Ich habe zwei große Bonuskinder. Meinen Sohn kenne ich seit er 7 ist. Unsere Jüngste wird jetzt 7. Der Kreis schließt sich. Ich habe somit bald alles erlebt. Von der 1. Klasse (unsere Lütte) bis zum Studiumseintritt (unsere Große) habe ich alles erlebt. Hat mich in all dieser Zeit irgendetwas begeistert oder überzeugt? Nein. Gar nichts. Habe ich das Gefühl, dass meine Bonuskinder von der katholischen Montessori-Schule (bis zur 6. Klasse) irgendetwas mitgenommen haben? Nein. Sind sie irgendwie auf das Leben nach der Schule vorbereitet worden? Nein - beklagt momentan zurecht unsere Große. Und waren das gute und glückliche Jahre, unverzichtbar? Werden sie oder wir Eltern zurückblicken und denken "Gut, dass L. diese Erfahrung gemacht hat?" Nein. Ich habe sehr oft das Gefühl, dass Zeit vertan und vergeudet wurde. Jetzt erlebe ich mit meinem Schulkind, dass nicht nur Zeit vergeudet wird..sondern, dass Lust und Freude flöten gehen.
Das Leben ist kein Ponyhof höre ich schon als Einwand rufen.
Ne, aber auch keine Haftanstalt.
Ich lebe in Berlin - keine Ahnung, wie es auf eurem Planeten aussieht, aber auf meinem Planeten Berlin ist mehr drin. Viel mehr. Ponyhof? Nein, das nicht, aber Seaworld. Oder ne Bar. Ne gute Bar. Berlin ist die Stadt der Selbstverwirklichung. Ich bin geimpft mit dem Gefühl frei nach Pippi Langstrumpf meine Welt so zu machen, wie sie mir gefällt. Und ditte jefällt mir nisch!
Ich glaube, ich muss umdenken. Meinem Gefühl folgen. Und das sagt mir, dass mein Kind falsch erzogen wurde. Falsch für eine 0-8-15-Schule, mit einem völlig unzeitgemäßen Leistungsanspruch. Ich werde die Koffer meines Kindes packen, ganz heimlich...und mich nach einer Schule mit mehr Platz für Individualität und Freiheit, mit mehr Empathie und mehr positiver Pädagogik umschauen.
Die Ex meines Mannes sagte mal, ihre Kinder hätten in der Schule schon genug Stress und sollten danach "Einfach nur Spaß haben". Ich verstehe sie jetzt richtig gut. Früher habe ich auch im Sinne der Leistungsgesellschaft gedacht - aber ich LEBE das ja schon seit Ewigkeiten gar nicht mehr. Wir leben anders...und ganz ehrlich: Wenn engagierte Eltern ihren Kindern was mitgeben können - dann sollte das eine gute Schule auch.


Was mich noch inspiriert?

Hier sind die Quellen:

Abi ohne Schule: So gehts
http://www.5reicherts.com/2015/01/wie-ich-zum-abitur-kam-ohne-in-die-schule-zu-gehen/

Zu viert reisen und lernen
http://www.family4travel.de/was-ist-family4travel/

Schulbefreiung für Lebenslektionen
http://www.weltreise-mit-kind.de/special_frameset.htm

Weit weit weg...
http://www.kidsaway.de/reiseplanung/vorueberlegungen/langzeitreise-mit-kind-schulfreistellung-fuer-die-weltreise-geht-das/


Foto wie immer von Ryan McGuire auf gratisography.com