Donnerstag, 28. Januar 2016

Generation Burnout:
Warum Nix leichter ist als früher

Wenn einen das Leben fertig macht...


"Heute ist alles viel leichter, als früher".
Ja, kann man sagen. Muss aber halt nicht stimmen. Okay, wir haben jetzt die Waschmaschine und klügere Telefone als Arbeitskollegen. Aber das heißt nicht, dass alles leichter ist. Das wäre so, wie zu sagen "Die Medizin ist heute viel besser als früher, deshalb ist heute keiner mehr krank". Das stimmt nicht: wir sind nur anders krank.

Warum Anne und Sven kaputt gehen


Wir nehmen mal das fiktive Pärchen Anne und Sven (Hi, ihr zwei!).
Anne hat eine Ausbildung. Oder studiert gerade. Oder macht beides.
Wir fassen das mal unter "Anne ist beschäftigt" zusammen.
Weil ich Bälle mag, darf Anne den "Beschäftigt Ball" tragen.
Einen Ball tragen ist leicht! Anne kann das.

Dann lernt Anne Sven kennen. Anne ist verliebt, Sven auch, die beiden werden ein Paar. Dann beginnt das, was ich Beziehungsarbeit nennen würde.
Diesen Ball der "Beziehungsarbeit" werfe ich ihr auch zu. Kann man beides tragen.

Anne und Sven wollen gut leben. Richtig gut. Reisen, Wohnen, Essen, Verabredungen, Social Life, Ausgehen. Nennen wir das mal Luxus. Luxus ist so ne schön runde Sache, wie Bälle.
Den "Luxus Ball" werfe ich Anne jetzt auch zu.
Drei Bälle balancieren? Na, dann eher jonglieren.
Macht Anne ganz passabel. Läuft.

Nun kommen aber noch die anderen Lebensaspekte dazu. Zum Beispiel die Wohnungsgröße, - lage, - ausstattungskosten. Die Versicherungs - und Lebenshaltungskosten. Die Mobilitäts-, Kommunikations- und Medizinkosten. Um ehrlich zu sein, muss man diesen Kosten auch ein bisschen Gravitation, also Gewicht und Anziehung, geben. Weil die ja irgendwie unfreiwillig sind. Die MUSS man ja tragen, kommt man nicht drumrum. Außerdem können die einem auch Sorgen machen. Also wird der nächste Ball entsprechend schwerer.
Ich tendiere zu Medizinballgröße - und schwere. Fang, Anne!
Fast hätte sie einen anderen Ball fallen lassen. Weil sie den Medizinball tragen muss, sie kann ihn nicht jonglieren. Aber er muss oben bleiben. Wie geht das mit den anderen drei Bällen? Hm...zum Beispiel, indem sie den Medizinball einfach auf den Kopf legt und dort balanciert. Anne ist ja noch jung, das macht so ein junger Körper noch mit. Hoffentlich wird das Ding nicht schwerer mit den Jahren...

Dann wird Anne schwanger. Gott sei Dank von Sven, sonst hätten wir gleich zwei Bälle draus machen können. Wir bleiben der Einfachheit halber beim Sven-Modell. Kinder sind irgendwie anstrengend, aber eigentlich auch total schön. Wenn man Glück hat, sind sie sogar so richtig richtig schön. Also finde ich, sollten die von bunten Luftballons repräsentiert werden. Aber, um der Sache gerecht zu werden, von Heliumluftballons. Alle Eltern wissen, dass man die ständig im Auge haben muss - sonst fliegen sie einem aus der Hand. Gut, Anne bekommt von mir aus insgesamt zwei Heliumluftballons, drei Bälle und einen Medizinball. Das ist ihr Leben. Die Heliumbälle, die drückt sie mal mit den Füßen runter, mal klemmt sie sich die unter die Achseln, mal lässt sie sie ein bisschen im Abseits rumsegeln, sie hat ja die Rückholleine. Mit denen ist sie gut beschäftigt, aber sie kriegt das hin, irgendwie. Das Jonglieren mit den drei Bällen, das Tragen des Medizinballs, und das Spiel und die Arbeit mit den Heliumbällen - es geht.
Alles klar?

6 Bälle = 1 Leben. Faire Mathematik?


Na ja, fast.
Weil: Sven teilt sein Leben zwar mit Anne. Aber er trägt auch seine 4+ Bälle. Ja: Heute arbeiten beide und verdienen gemeinsam für einen Haushalt. Aber es bleibt trotzdem dabei, dass jeder 'seine eigenen Bälle' hat. Nur die Heliumkids - um die müssen sich beide kümmern. Real. Weil die Heliumbälle das so brauchen. Und weil es alleine eigentlich nicht wirklich gut geht.
Und wenn man so eine Beziehung hat, dann muss man sich gut überlegen:
Wirft man sich die Bälle nun eigentlich auch noch gegenseitig zu?
Im Sinne von "Hej, ich hab grad Helium-Benni, hast du Helium-Lisa? Mein Medizinball ist übrigens irgendwie ganz schön schwer, ich krieg von dem Hals - und Kopfschmerzen. Wie siehts bei dir aus? Du kannst auch nicht so gut jonglieren?" Hm...was macht man da?

Viele Paare/Menschen legen erstmal den Luxusball bei Seite. Auf Luxus kann man verzichten. Anne und Sven einigen sich darauf, den Luxusball flach zu spielen. Die kicken den so ein bisschen unaufmerksamer und ein bisschen lustloser als sonst hin und her. Aber dafür sind die Hände nun frei, nun kann man den "Beschäftigt Ball" und den "Beziehungsarbeit" Ball bequem in einer Hand tragen, der Medizinball wird vom Nichtjonglieren auch weniger zum Gewicht und die Heliumkids teilt man sich weiterhin auf. Aber, das Leben ist ja wie es ist.

Aufgaben können schwerer werden. Bälle können, trotz guter Führung, zu Boden fallen. Wegkullern! Oder sich in Einzelteile auflösen...aus je mehr Bestandteilen die Bälle bestehen, desto mehr Nähte, desto mehr Risikostellen. Nehmen wir an, es rieselt Beziehungssand aus dem "Beziehungsball", nehmen wir an, der Stress beginnt seinen Tribut zu zollen und der Medizinball wird noch schwerer , nehmen wir an, es läuft grad nicht so mit dem "Beschäftigt Ball"; was direkte Auswirkungen auf den noch schwerer werdenden Medizinball hat, nehmen wir an, all dies sorgt dafür, dass der Luxusball plötzlich gar nicht mehr gekickt wird, sogar droht wegzurollen, nehmen wir an, das führt dazu, dass noch mehr Sand aus dem Beziehungsball rieselt und die Heliumballons gefährlich oft aus den Augen verloren werden: Dann hat man modernen Stress!

Manche Menschen finden 6 Bälle tatsächlich nicht spannend genug. Die brauchen noch den "Weltschmerz" - Ball. Und den "Selbstverwirklichungsball". Und die haben auch so eine "Perfektionismusballpumpe", mit der sie auch noch regelmäßig den Luftdruck von jedem einzelnen Ball in ihrem System erhöhen. Und weil das Leben immer mal mit fiesen Manövern aufwartet, passieren irgendwann Ballwechsel, die schier unmöglich zu bewältigen sind:
Plötzlich rollen einem alle Bälle einer verstorbenen Person entgegen. Dann muss man sich um die kümmern, jeden einzelnen aufheben und schauen: Wie und wann kann ich den so entsorgen, dass ich meinen Seelenfrieden finde? Oder Anne oder Sven können beim besten Willen den Medizinball einfach nicht mehr tragen, nach 10 - 15 Jahren. Steifer Nacken, Halswirbelverrenkung, chronische Kopfschmerzen. Das kommt vor.

Was kann man bei so viel Stress machen?


Ich denke Folgendes: Wenn Anne und Sven nicht früh lernen, zu teilen - ist es unter Umständen irgendwann zu spät. Dann rattert und fliegt einem alles um die Ohren. Dann kriegt man Burnout oder irgendwas anderes. Einfach, weil allein alles zu viel ist!

Das merkwürdige an unserer Gesellschaft ist, dass wir uns alles zutrauen und uns gegenseitig den Rücken stärken, im Sinne von "Du kommst da durch", "Du schaffst das!", "Ich glaube an dich".
Aber jemandem seine Last vom Rücken abnehmen, jemandem helfen einzusehen "Vielleicht schaffst du das doch nicht", "Vielleicht solltest du mal ruhiger treten", "Vielleicht ist das jetzt nicht so wichtig" - das können wir nicht (so gut).

Ich finde das nicht rücksichtsvoll. Ja, wir leben unglaublich vernetzt. Aber so wie ich das sehe, sind schlicht unglaublich viele Einzelkämpfer unterwegs. Selbst in langen Beziehungen sehe ich immer wieder diese "Anne jongliert ihr Leben - Sven seins" - Tendenzen. Obwohl wir uns mit so vielen Menschen, Freunden, mit Kollegen und Partnern umgeben: Bleiben wir oft allein mit unserem Stress.
Wir tun Dinge, die dazu führen, dass wir sie alle allein regeln müssen.
Wir glauben, es ist partnerschaftlich alles gemeinsam zu entscheiden: In Wirklichkeit sorgen wir nur dafür, dass jeder für alles Verantwortung übernehmen muss. Jeder hat für alles "seinen Ball". Es ist nicht mehr so, dass Anne sich für beide um ein Ressort kümmert, und Sven sich um ein anderes, weil sie das weniger stresst, oder weil er das schneller und besser kann, als sie. Nein, heute macht jeder gemeinsam Seins.

Wenn ich merke, dass es meinem Sven schlecht geht - dass er irgendwie mit dem Tragen seines Medizinballs nicht mehr zurechtkommt, dann bin ich nicht genervt. Dann bin ich nicht ungeduldig mit ihm. Dann erwarte ich nicht, dass er mal schnell wieder klarkommt. Selbst wenn ich ihn mit Ratschlägen bombardiere und er sie nicht befolgt: Ich kümmere mich um ihn. Ich nehme ihm Lasten ab. Ich helfe ihm. Ich erwarte von Sven nicht, dass er sein ganzes Leben lang perfekt ist. Dass er immer ein souveräner, erwachsener, alles schnell lösender Sven ist. Weil ich weiß, dass das nicht geht. Sven hat mir vielleicht auch schon mal geholfen, schon Lasten abgenommen, schon einmal beide Heliumbälle und den Medizinball allein geschultert, damit ich eine Woche mit dem Luxusball verbringen und zu mir kommen kann. Hat er bestimmt. Weil er auch von mir nicht erwartet immer perfekt und souverän zu sein. Das geht nämlich nicht.

Stress gibts heute schneller, einfacher und pausenloser als früher


Und deshalb ist heute unter Umständen gar nichts viel leichter als früher. Im Gegenteil. Wir können uns viel ungehemmter und viel schneller Stress machen, als früher. Die Wäsche ist nach einer Stunde getan: "Früher war alles schwerer" - das heißt, man hat jetzt 6 Stunden Zeit mehr zu tun! Früher war man bis zu 7 Stunden mit Wäsche beschäftigt. Da wusste man aber, was man getan hat. Heute ist man jede Stunde mit etwas anderem beschäftigt. Und alles ist gleichwichtig. Und alles muss gut balanciert, perfekt jongliert und ohne Schwäche durchgetragen werden. Und wehe, man lässt mal ein wenig locker. 6 Bälle, oder 10, oder 12 - egal wie viele: Das geht nur für eine Zirkusnummer dauerhaft gut!

Stellvertreter-Anne, Stellvertreter-Sven: Ihr habt mein ganzes Mitgefühl.
Nichts ist leichter. Alles ist nur anders schwer. Ich weiß das!


P.S. Teilen, Abgeben, Delegieren, Aufhören, Neinsagen und dem anderen auch mal was Abnehmen: Könnte heilsam sein!


Photokredit @ gratisography.com, genialer McGuire