Dienstag, 15. Dezember 2015

PhiloJune
Was wirklich zählt

Handschuhwetter in Berlin: Na und ;-)


Berlin. Dezember. Nebel. Eiseskälte. Und ein pädagogisch als wertvoll erachteter und deshalb verordneter Spaziergang. Eineinhalb Stunden lang.
"Mama - ich wollte eigentlich nie hier leben". Dieser Satz fällt 10 Schritte bevor wir wieder zu Hause sind. Klingt nicht vorwurfsvoll. Klingt nachdenklich - und frustriert.
"Wo hättest du denn lieber gelebt, Süße?" Ich frage das, weil ich denke, mein Kind meint die Stadt.
Aber...
"In Afrika".
Wir waren nie dort und wirklich viel kennen wir aus Afrika nicht, wenn man mal von den Tierdokus absieht, die wir an manchen Nachmittagen gern wegkonsumiert haben. Aber eins hat sich bei meiner Tochter eingebrannt: Dort ist es warm. Hier nicht. Für eine fünfjährige, die gerade einen eineinhalbstündigen Frostmarathon hinter sich gebracht hat, ist das der Schlüssel zu Lebensqualität. Ich habe viel darüber nachgedacht, wie anders meine Wünsche aussehen. Und ob sie das überhaupt wirklich tun.

Was zählt wirklich?
Wärme - das ist ein Gefühl, das wir in Ländern mit Jahreszeiten oder nur einer Jahreszeit (Winter) herzustellen versuchen, mit allen uns erdenklichen Mitteln. Kerzenschein, Glühwein, Kaminfeuer, Kuscheln, viel und deftig essen. Liebe. Freundschaft. Wenn uns diese Mittel nicht zur Verfügung stünden, würden wir frieren. Salatblätter machen im Winter nicht mehr ganz so zufrieden. Und unter all den Klamotten ist die Sommerfigur Nebensache.
Wärme also - ist das alles?

In Afrika leben in diesem Moment noch immer die ärmsten Menschen der Welt. In Südafrika um genau zu sein, und der Süden ist ja noch viel wärmer, als der Norden. Das Klima macht das Leben nicht leichter, macht die Menschen nicht zufriedener. Hilft nicht.
Was fehlt?

Vielleicht die Wärme, die wir aus Respekt vor der Kälte produzieren. So wie ich und mein Kind nach dem strengen Spaziergang gemeinsam auf den Lesesessel sprangen, uns bis auf die Unterwäsche auszogen, um dann unter dicken Kuscheldecken zusammenzurücken und uns gegenseitig Wärme zu schenken, während ich eine Geschichte vorlese. Die Kälte hat uns so zusammengeschweißt. Die Kälte hat in uns den Wunsch geweckt, so nah und so verschmust miteinander zu sein.

Die Wärme, die immer verfügbar ist, hilft also nicht zwangsläufig die Lücken in unserem zwischenmenschlichen Miteinander zu schließen. Hitzköpfig ist nicht umsonst eine Eigenschaft, die man eher Südländern zuschreibt (ja klar, alles nur Rassismus ;-)) und kühl eine Eigenschaft, die eher den Nordischen unterstellt wird.

Richtig ist, dass die, die Wärme produzieren müssen dies auch schaffen!
Und das ist vermutlich der Schlüsselsatz - eben das, was zählt:

Wenn wir Wärme brauchen - sorgen wir für Wärme. Ob sie nun in Form von Liebe, Freundschaft, einem vollen Magen, ein gemütliches Zuhause oder sonstwie "wärmt" - die Anstrengung zum Ziel hin ist, was den Unterschied macht.

"Afrika."

Auch wenn ich die Großstadt im Winter echt zum ...behusten finde: So viel Gemütlichkeit und Wärme, wie sie bei uns allen produziert: Das macht kein heißer Sommertag so selbstverständlich nach!