Dienstag, 4. November 2014

Hollaback - Eine Organisation um WAS zu beenden?

Seit einiger Zeit dreht es sich in den Medien und in meinem weiblichen Bekanntenkreis viel um ein inzwischen berühmtes Video. Darauf sieht man, wie eine ganz normale Frau, unauffällige Optik und unauffällige Kleidung, die Straßen New Yorks entlang geht - recht zügig - und dabei dem Video nach zu urteilen alle paar Meter von Männern angesprochen wird (600 Minuten Dreh geteilt durch 108 "Incidents" macht eine Anlaberquote von alle 5,5 Minuten!). Das Video ist eine Initiative von "Hollaback" - was so viel heißen soll, wie "Ruf zurück" und vielleicht im übertragenen Sinne "Entgegne was" bedeuten mag.

Jedem Viewer ist bewusst, dass das Video zusammengeschnitten ist. Die Frau, irgendwas unter 40 Jahre alt, soll zehn Stunden durch die Stadt gelaufen sein. Während unter vielen Frauen ein Aufschrei der Empörung aufkeimt und sich viele Opfer mit ihren Geschichten melden, fühlen sich die Männer mitunter zu Unrecht in ein schlechtes Licht gerückt, beklagen sich über die Auswahl der gezeigten Szenen und darüber, dass das Video viel Harmloses zeigt - aus ihrer Sicht.


Hier ist das Video, um das sich die Geschlechter und Gemüter streiten:


In den knapp 2 von 600 abgedrehten Minuten, die hier von und für Hollaback zusammengefasst wurden, wird die Frau 18 Mal angelabert oder angesprochen und 2 Mal aufdringlich und penetrant belästigt durch unaufgeforderte Begleitung. 

Hier eine chronologische Abfolge dessen, was "je Szene" gesagt wurde (als Beispiel: In Szene 1 sitzen mehrere Männer nebeneinander, wie im Spießrutenlauf muss jeder von ihnen nach dem Auftaktkommentar einen eigenen Kommentar hinterher rufen - deshalb werden diese Kommentare unter Punkt 1 zusammengefasst, als Szene).

1. How you doing today? (black)
- Guess not good. (black)
- Smile! (hispanic)
2. Whats up beautiful have a good day. (white)
3. Hey what´s up girl? How you doing?  Somebody is acknowledging you for being beautiful.  You should say thank you more! (white)
4. God bless you mami….damn! (hispanic)
5. Hey Baby! (black)
6. Hey beautiful! (?)
7. How are you this morning? (black)
8. Have a nice evening! (black)
9. Nice! (white)
10. Damn – Damn! (?)
11. Hi beautiful! -  God bless….sexy american eagle! (black & hispanic)
12. Hello good morning…god bless you. Have a good day alright? (Penetrant!) (black)
13. Damn! (black)
14. How you doing? Good? Sweetie? (black)
15. Hey look it there! I just saw a thousand dollars! (black)
16. Damn girl! (black)
17. You don´t wanna talk? Cause I´m ugly? We can´t be friends…nothing? You don´t speak? If I give you my number, will you talk to me? Too ugly for you? (hispanic)
18. Whats up miss? (black – straight passing by)
19. How you doing? (white)
20. Have a nice evening darling. (white/hispanic?)

Ich habe 5 Szenen markiert, die ich selbst als unangenehm empfunden hätte bzw die offensichtlich bereits in die körperliche Belästigung (Szenen 12 und 17) gehen. Interessant ist, dass von den gezeigten 20 "Scenes of Harassment" mindestens 15 von der nicht-weißen Bevölkerung New Yorks ausgingen. Hispanics und Blacks, zu deutsch Migranten mit lateinamerikanischem Hintergrund oder mit afro-amerikanischem Hintergrund.

Was sagt uns Hollaback damit bewusst oder unbewusst?
Ist der Zusammenschnitt der 600 Drehminuten rassistisch motiviert? Oder liegt hier ein Beweis für kulturelle Unterschiede im Umgang mit Frauen in der Öffentlichkeit vor?

Was sagt das über Männer, die keinen lateinamerikanischen oder afro-amerikanischen Hintergrund haben?
Machen sie etwas anders? Oder reichte das, was sie machen, nicht aus, um die Botschaft zu unterstreichen, die Hollaback mit diesen Zusammenschnitt aussenden wollte?
Und wenn DAS der Fall ist - was sieht man denn in den anderen 598 Minuten Filmdreh?

Nur noch "Have a good day" - "Hey beautiful" - "How are you doing?" - "Have a nice evening"? Oder noch weniger? Nur noch "Hej" und "Hi" und "Hello"?

Ich frage mich wirklich was genau uns dieses Hollaback-Video sagt und NICHT sagt.

Auf welcher Grundlage wurden ausgerechnet diese Szenen ausgesucht? Sind sie die schlimmsten, die deutlichsten, die unangenehmsten, die rassistisch diskriminierendsten oder oder?

Und wenn DAS das Schlimmste ist, dann muss ich ganz ehrlich fragen: Wenn ich schweigend OHNE dass mir etwas passiert, durch über 590 Situationen hindurchgehen kann, in denen mir meistens unaufgefordert a) ein Kompliment gemacht wird oder ich b) gegrüßt werde - was stört mich dann?

Dass ich nicht antworten kann? "Mir gehts gut, danke" - oder nur "Danke".
Aber DARUM geht es in dem Video NICHT.
Dass ich alle 5,5 Minuten im Schnitt angesprochen werden, weil ich gefalle?
Aber DARUM geht es in dem Video NICHT. 


Ich frage mich, ob es den Frauen (und Männern) von Hollaback und einer Reihe aufkeimender vor allem feministischer Aktivisten um das ANSPRECHEN geht, um die WORTWAHL oder um die HÄUFIGKEIT.

Ich kenne Amerika. Ich war oft da. Meine Familie, sowohl von Roy als auch von meinem Vater, lebt dort. Ich bin dort shoppen gewesen, ohne männliche Begleitung. In New York, in San Francisco, in Houston, in Washington D.C., in San Diego. Ich wurde sehr selten angesprochen. Ich wurde aber viel öfter von Frauen angesprochen als von Männern. Frauen verteilen dort Komplimente, wie Sand am Meer. Das war angenehm. Auch meine Kinder - alle drei - werden mit Komplimenten überhäuft. Es geht da meistens um das Aussehen ("O they are soooo pretty!") und selten darüber, was für einen tollen Charakter sie haben (den haben sie wirklich). 

Mein Großvater und meine Onkels haben so eine Art, jeden zu grüßen, der an ihnen vorbeigeht. "Hello Sir" - "Good morning" - "How you doing?". Beim Tür aufhalten, beim Betreten eines Ladens, beim Ein - und Aussteigen aus dem Auto - eigentlich überall. Ich habe das immer als sehr höflich empfunden - und natürlich als belanglos. In Szene 18 in dem Video geht ein junger, schwarzer Mann ohne sich nochmal umzudrehen oder auch nur einen My langsamer zu werden an der Frau vorbei, sagt dabei "Whats up miss?" und hätte nie im Leben Zeit gehabt eine Antwort wahrzunehmen. Ein paar wenige der Ausschnitte wecken in mir die Erinnerung an das, was ich erlebt habe - auch die unangenehmen.

Beim Einkaufen umringt zu werden von schwarzen, jungen Männern, die Lippen leckend und wölfische Geräusche von sich gebend um mich herum wandern und mich abchecken wie ein saftiges Lamm, das sie bei nächstbester Gelegenheit reißen wollen. Gott Lob ist mir das genau zwei Mal passiert, von Gott weiß wie vielen Shoppingtouren in amerikanischen Malls. Es war SEHR gruselig!

Den Spießrutenlauf der ersten Sekunden kennt denke ich jedes Mädchen und jede Frau aus Ausgehnächten, wenn die schon betrunkenen oder angetrunkenen Männer ihren Respekt verlieren und anfangen, rumzupöbeln. Leider gilt die Regel: Wenn einer was sagt, muss jeder was sagen. Das kann SEHR unangenehm werden.


Was mich an dem Video oder vielmehr an der INTERPRETATION des Videos ebenso wie der INTENTION stört ist, dass hier tatsächlich mal Äpfel mit Birnen verglichen werden. Und dass sich Männer - wie ich finde - ganz zu Recht hier angegriffen und in einem schlechten Licht dargestellt sehen.

Als schwarzer oder lateinamerikanischer Mann würde ich mich aufregen und sagen: Es gibt auch andere. In den Diskussionen um das Video heißt es immer "Männer sind - Männer sollten - Ihr müsst endlich..."

Als Mann jeder anderen Ethnie würde ich mich aufregen und sagen: Wir sind nicht alle so - das sieht man doch! Werft mich nicht mit denen in einen Topf (und dann kommt noch ein sozio-kultureller Aspekt hinzu, den ich gar nicht weiter erwähne...wer lungert schon tagsüber in Häuserecken und an Straßen rum und tut nichts...na nicht die Creme de la Creme der männlichen Gattung). 


Als Frau, die schon viel viel durchgemacht hat (körperliche Gewalt von fremden Männern gegen mich, sexuelle Nötigung und Belästigung, Stalking ... ach und so viel mehr), bin ich persönlich fast ein bisschen entrüstet, dass sich DARÜBER aufgeregt wird. Dass mit DEM Video Geld gesammelt wird gegen Harassment. Dass Männern das EINE aprobate Mittel mit einer fremden Frau Kontakt aufzunehmen, nämlich einfach nur mal "Hallo" sagen und einen schönen Tag wünschen, mit einem wütenden Sturm gegen sie GENOMMEN werden soll. Und was bleibt ihnen dann - all das hässliche, was der ein oder andere verlorene Lump sich herausnimmt?! 

Und ich denke nicht "Die sollte froh sein, so viele Komplimente zu bekommen" - Frauen ticken wirklich nicht so. Wenn wir uns bewusst zurecht machen, um Aufmerksamkeit zu bekommen, dann freuen wir uns über Aufmerksamkeit eines bestimmten Stils...wenn wir aber einfach nur so rausgehen, dann stört uns die Aufmerksamkeit, weil wir uns genau an solchen Tagen NICHT über unser Aussehen mitteilen wollen. 

Ich verstehe auch, dass es für Männer schwer ist einen Unterschied zu machen zwischen:
"Jetzt will sie Komplimente" und "Jetzt will sie keine".

Das stört mich tierisch an den Interpretationen und Diskussionen zu dem Video, dass viele Frauen sagen "UNS" stört das. Hallo? Uns? Mich stört es nicht, wenn einer im Vorbeigehen ohne stehen zu bleiben oder irgendwas einfach nur "Hey Miss" oder "Hi Beautiful" sagt. 
Stört mich bei den Frauen, die das sagen auch nicht, und die bleiben sogar meistens stehen (in Amerika) und manche fassen einen sogar an (die Haare, oder den Unterarm).

Mich stört das nicht - es ist das eine Mittel, das wir haben, um uns anderen mitzuteilen, um zu sagen "Hej - du gefällst mir". Was mich stört, sind die markierten Szenen (Spießrutenlauf oder lästige Penetranz, oder noch einen und noch einen Kommentar nachrufen, wenn man nicht reagiert). Männer und Frauen in Amerika sagen sich gegenseitig Komplimente, auch im Vorbeigehen. Ich habe es bei meinem Bruder erlebt, der sehr hübsch ist, dass Mädchen und Frauen laut und deutlich hinter ihm hergerufen bzw. eindeutige Kommentare gemacht haben. Auch schwarze Frauen und Mädchen. Und bei meinem Mann auch. 


Ich finde, dass mit diesem Video völlig falsch umgegangen wird, dass vollkommen subjektiv alle Männer (ihr seid alle böse) und alle Frauen (wir wollen das alle nicht) in einen Topf geschmissen werden und dass hier Gefühle hochgepeitscht werden, die an ganz anderer Stelle angebrachter und vor allem notwendiger sind.

Geht mal zu Hollaback und schaut euch an, wie sie "Street Harassment" definieren. Und dann lest die Geschichten, die Aktivistinnen und Unterstützerinnen teilen. Da geht es ÜBERHAUPT NICHT um "Hej beautiful - damn - Have a good evening". 
Nein, da geht es um körperliche Übergriffe, Bedrängung und schwere Beleidigung (Schlampe, Hure & Co.). Ja Hollaback - DAS ist schlimm. 

Aber wie kann man dann dieses Video, das so vielen Seiten aus so vielen Gründen nicht gerecht wird, damit in Zusammenhang bringen? Das ist nicht "damit fängt alles an und die Männer hinter den Kommentaren sind noch viel schlimmer" - das ist Propaganda gegen die falsche Sache für die richtige Sache.

Meines Erachtens reiten sie auf dem falschen Pferd ihrem Ziel entgegen. Aber - sie reiten, und vermutlich auch ihrem Ziel entgegen. Denn eins hat das Video geschafft: Dass alle darüber reden!

Ich freue mich übrigens über unseren nächsten USA Besuch. Ich ziehe kein Selbstbewusstsein, sondern gute Laune daraus, dass die Menschen dort (Frauen wie Männer) einem so offen sagen und zeigen, wenn sie einen mögen oder toll finden. In Deutschland kann man ja kaum ein Kompliment machen, ohne schräg angeschaut zu werden oder sofort als "in-Flirt-modus" wahrgenommen zu werden. 


"Guten Tag, Schönheit" 
"Hey, Gott segne dich" 
"Wow, was für ein Anblick - ich habe grad einen Lottogewinn gesehen"
"Verdammt siehst du gut aus!"


Versucht euch das in Deutschland vorzustellen!
Und dann versucht euch verschiedene Männer vorzustellen, die das sagen. 

Attraktive Männer und unattraktive, junge und alte. 
Und dann versucht euch genauso abgerissene Gegenden vorzustellen.
Und natürlich Baustellen.
Und dann eine schöne Flaniermeile.

Wo stört euch das?
Wann stört euch das?
Bei wem stört euch das?

Und wann könnt ihr ein Lächeln schenken?
Und wann ist selbst, wenn ihr theoretisch würdet, kein Lächeln drin?

Stellt euch einen Tag vor, an dem ihr die Rufe - die weniger stilvollen, wie die angenehmen - alle annehmen und genießen könnt. 

Und dann stellt euch die Frau vor, die sich vor eurem selbstzufrieden grinsenden Selbst aufbaut und euch klarmacht, dass mit euch etwas nicht stimmt, wenn ihr DAS auch nur im entferntesten harmlos oder positiv findet. Die Frau, die euch sagt, dass ihr wohl ein ganz kleines Selbstbewusstsein habt und es wohl sehr nötig haben müsst, wenn ihr an DIESEM TAG DAVON gute Laune bekommt oder euch zumindest nicht die gute Laune VERDERBEN lasst.

So  -  genügend Perspektiven durchgekaut.

Wie fühlt ihr euch jetzt? Als Frau und als Mann?
Ich bin gespannt!