Freitag, 7. November 2014

Mama Gedanken
Du bist so anders als ich:Meine Tochter & Ich

Wenn man sich vorstellen kann ein Kind zu haben, dann stellt man sich das Kind in verschiedenen Etappen seines Lebens vor. Als "Vorlage" dient einem die eigene Kindheit. Vielleicht noch das, was man vom realen Traummann weiß, oder sich von Wunschtraummännern erhofft. Ein bisschen spielen vielleicht noch die eigenen Eltern mit rein, oder Geschwister ("Bloß nicht wie meine Schwester werden" oder so). Aber im Prinzip impliziert ein Kinderwunsch immer auch, dass man schon ziemlich genau weiß, was man bekommt. Etwas, das man irgendwo schonmal gesehen hat ;-)

Wenn man aus einer "gemischt rassigen Ehe" stammt, so wie ich (in den USA nennt man das bi-racial, also zwei-rassig), dann wird sich irgendwo "das Fremde" untermischen. Die Frage ist natürlich, aus wessen Perspektive nun eigentlich das Neue das Fremde ist (hu kompliziert...). Die Familie meines Vaters hat "die Weiße" als so fremd empfunden, wie die Familie meiner Mutter "den Schwarzen". Aber so oder so: Das Neue bzw. das Fremde kam durch.

Mein Bruder und ich waren anders. Nicht nur optisch, wie ich finde, sondern ganz schön anders in vielen Dingen. Woran ich das heute merke - früher als Kind war mir Vieles nicht bewusst, nicht mal immer, dass ich anders aussehe - ist zum Beispiel die Affinität zu einer Kultur, mit der wir gar nicht aufgewachsen sind. Wir lachen über den Humor dieser Kultur, obwohl er nie Bestandteil unserer sozialen Umgebung war. Wir empfinden ähnlich und können nachfühlen, was uns in Film, Medien und Büchern/Magazinen aus dieser Kultur (der amerikanischen und vor allem der afro-amerikanischen) erzählt und verkauft wird. Ja - wir sind Amerikaner, obwohl wir in Deutschland aufgewachsen und zur Schule gegangen sind. Und ja - wir sind schwarze Amerikaner (keine schwarzen Afrikaner, das ist - für uns - ein GROßER Unterschied!!!) - in ganz vielen Punkten gilt für uns im positiven Sinne: Schuldig im Sinne der Anklage. Klar, deutsch sind wir auch - das macht das Leben für uns bisweilen interessanter, aber auch anstrengender. Dieses "beides sein", dieses "beides fühlen".

Und dann bekommt man selbst Nachwuchs.

Erste Überraschung: Meine Tochter ist weiß. Finde ich. Ganz besonders im Winter. Weiß mit dunkelbraunem, glatten Haar und schwarz-braunen Augen. Ihre Lippen sind lustig: Oben dünn, unten dick. Ihr Teint hat im Winter was von Porzellan, im Sommer wird sie so dunkel, wie die Spanier zum Beispiel. Wir sind viel mit unserer Kleinen gereist. Fast jeder nimmt sie für sich in Anspruch: Die Inder finden, sie sieht indisch aus, die Italiener finden, sie sieht italienisch aus, die Türken finden, sie sieht türkisch aus, die Araber finden, sie sieht arabisch aus, die Spanier finden, sie sieht spanisch aus und so weiter und so fort. Die Deutschen geben allen anderen Recht, die Afrikaner und Afro-Amerikaner mit Sicherheit auch. Und eins ist schonmal klar: Wie ich sieht meine Tochter schonmal gar nicht aus.

Und das ist nur die Oberfläche. Ich habe mit meiner Tochter einen Menschen bekommen, der nicht nur äußerlich ganz anders ist als ich. Meine Kleine ist mir manchmal so fremd, wie jedes andere Kind, das zu uns zu Gast ist. Nicht, weil ich sie nicht inzwischen gut kenne, sondern weil sie sich ja noch entwickelt und ihre Persönlichkeit, ja ihr ganzes Wesen, immer wieder überraschende Seiten zeigt, die in mir einfach nicht "wiederhallen".
Kein "Ach ja, das kenne ich gut" - sondern ein "Aha, das ist ja putzig" oder "Huch, was ist denn das?" oder auch "Oh Gott, was soll das denn - was mach ich denn jetzt?".

Nehmen wir zum Beispiel ihr NICHT Bedürfnis nach Lob, Anerkennung, Aufmerksamkeit und Zuneigung von anderen Menschen. Ja nicht mal von Familienmitgliedern. Manchmal nicht einmal von mir! Dieses Kind will nichts von anderen. Dieses Kind ist gern für sich allein. Es braucht niemanden. Und wenn wir sauer sind, oder enttäuscht, oder Oma und Opa, oder Tante und Onkel...meinem Kind kann das sehr gut egal sein. Darin und in allem, was in Konsequenz an dieser inneren Unabhängigkeit liegt, unterscheiden wir uns sehr.

Noch ein Unterschied: Ich wollte immer zeigen, was ich kann - meine Tochter will nicht einmal mir zeigen, was sie kann. Regelmäßig schleppen ihre Alterskameraden gemalte und gebastelte Geschenke aus der Kita und überreichen sie stolz ihren Eltern. Selbst die Freunde meiner Tochter machen mir mehr Geschenke, als meine Tochter. Sie bastelt nicht gern, sie malt nicht gern - überhaupt: Kreativität gehört im Feinstofflichen Bereich nicht zu ihren Stärken (oder Interessen). Auch da unterscheiden wir uns. Ich konnte schon mit drei das Sandmännchen inklusive Sack und Hut malen. Meine Tochter konnte mit drei dasselbe malen, wie mit eins: Gar nichts! (außer wilde Kringelkreise). Deshalb malte sie auch nicht gern: Sah ja eh alles gleich aus. Das hab ich nicht gesagt, sondern sie! Mit drei Jahren, als ich sie frage, ob sie mir ein Bild malen mag, zeigt sie mir ein altes Bild am Kühlschrank und meint: Hab ich schon! Und sie hat recht: So eins hätte ich ja nur wieder bekommen. Noch ein Unterschied: Sie ist zufrieden mit dem, was sie schon geleistet hat. Ich war das nie - ich bin das bis heute nicht. Ich bin die "Gut ist nicht genug, geschafft ist nicht geleistet, geleistet heißt da geht noch mehr" - Menschin. Meine Tochter ist die: "Hej, ich kann das, dann reicht das ja erstmal" - Menschin. Bei ihr hat alles Zeit, was sie eh nicht interessiert. Und das ist VIEL. Ich habe mich gefühlt für alles interessiert und das tue ich noch heute. Meine Tochter? No chance. Sie will ja auch nicht groß sein, oder können, was wir können. Sie will auch nicht zur Schule. "Jetzt bin ich genau gut" (was heißt "genau richtig"). Das sagt sie im Brustton der Überzeugung und verleugnet grade vehement, dass sie ihren ersten Wackelzahn hat. Mit 4,5 Jahren. Körperlich geht bei ihr immer schon alles superschnell. Aber sie will nicht superschnell - sie will am liebsten konservieren, was grade jetzt ist. Sie mag ihr Leben. Sie braucht nicht dauernd neuen Input. Dazu gehören auch Geschenke und Süßigkeiten. Sie lehnt die unter Umständen aktiv ab. "Das brauch ich nicht" und weg mit dem Ü-Ei oder dem kleinen Schleichtier. Und "Das mag ich jetzt nicht" und weg mit den Süßigkeiten. Sie mag sowieso vieles nicht - ich kann mich nicht genau erinnern, aber ich mochte denke ich eher alles ;-)

Ich liebe die Geschichten von Astrid Lindgren über "Die Kinder aus der Krachmacherstraße". Manchmal glaube ich, ich habe eine Lotta. Zum Beispiel als wir beim Zahnarzt waren und meine Lütte den Mund nicht aufmachen wollte. Lotta macht das auch so. Und ich fühlte mich dabei, wie Lottas Bruder, der sich beklagte "Mit diesem Kind muss man sich überall schämen". Ja ich gebe zu: Ich habe mich total geschämt. Da hat man so ein Riesenkind auf dem Schoß und es benimmt sich, wie ein Riesenbaby...

Doch mein Kind benimmt sich nicht einfach so anders, als ich es kenne oder erwarte. Lotta sagt: "Ich öffne meinen Mund nicht vor Menschen, die ich nicht kenne." Meine Tochter sieht das bestimmt ähnlich. Sie erklärt mir gern, warum sie sich so verhält und nicht anders. Wie letztens, als wir mit ihr ausnahmsweise mal gegen 19 Uhr ausgegangen sind, in ein fetziges American Diner hier in Berlin. Sie benahm sich unmöglich - für mein aufgeräumtes "Im Restaurant hat man sich soundso zu benehmen" Verständnis. Da ich öffentlich ungern Szenen mache, mahnte und wiederholte ich leise. Zu Hause gab es dann was zu hören - sehr ernst, denn ich wollte klarmachen, dass ich unter solchen Umständen nicht noch einmal mit ihr abends ausgehen kann.
Meine Tochter dazu: "Aber ich bin doch wild. Ich will wild und frei sein. Dann musst du mit mir eben in ein anderes Restaurant gehen." Sie hat ein bisschen Recht.

Nicht nur in ein anderes Restaurant muss ich wohl mit ihr gehen...sondern ganz generell  andere Wege. So "anders" wie sie ist, wandle ich mit ihr oft auf fremdartigem, neuen Terrain. Das verunsichert bisweilen, weil man einfach nicht weiß, wie man mit etwas umgehen soll, das man gar nicht kennt. Aber es ist auch eine echte Bereicherung. MICH gibt es nämlich mindestens schon einmal auf der Welt - und ich kenne mich ziemlich gut. Wäre ganz schön langweilig, mich noch einmal kennenzulernen. Und dann lebenslang einen Spiegel zu haben, der einem die eigenen Fehler dauernd vorlebt. Um dann meine Tochter wohlmöglich vor sich selbst (also vor mir selbst) zu warnen. So nach dem Motto "Been there - done that".
Nein, mit meiner Tochter darf ich einen "neuen Menschen" kennenlernen. Neue Höhen, neue Täler.
Es ist eigentlich ganz einfach: Weil du anders bist, muss ich anders sein. Eine großartige Erfahrung!

Schwangerschaft - irgendwie als wäre man selbst ein wandelndes Überraschungsei ;-)