Montag, 3. November 2014

Das "H - Wort"

Mein Mann (Roy) und ich hatten am Wochenende fast einen ganzen Tag lang "kinderfrei". Die zwei Großen schliefen noch den Schlaf der Gerechten, was bei Jugendlichen ja locker bis in den Nachmittag hinein dauert und unser Nesthäkchen - mein persönlicher Beitrag zum Familienleben - durfte mit ihrem besten Freund und seiner Mutter in den Berliner Tierpark. FREIHEIT!
Wir radelten pflichtbewusst unsere ersten fast 6 Kilometer mit Einstein, unserem 6 Jahre alten Labrador, brachten ihn dann wunderbar erschöpft nach Hause und traten selbst in die Pedale, um das herrliche Berliner Novemberwetter per velo zu genießen.
Und dann kam das Thema auf. Während wir Godzilla mit unserem Großen schauten (Samstag), münzte Roy einen Hausfrauenwitz auf mich. Ich parierte cool - aber innerlich: Ein tiefes, schwarzes Loch öffnete sich und ich fiel und fiel und fiel. Nach dem Film halfen mir eine Emoszene, Gesichtsmasken und übertrieben viel Fitness halbwegs über den Schlag in die Magengrube hinweg.

Roy hatte mich "Hausfrau" genannt. Das H-Wort, das ich in meinem Haus nicht hören wollte - schon gar nicht im Zusammenhang mit M I R!

Wir radeln also und es bahnt sich ein Gespräch über unseren "wunden Punkt" an. Den Punkt, den vielleicht niemand kennt, der aber ähnlich wie die eine lockere Schuppe über dem Herzen des unbesiegbaren Drachens verwundbar macht. Über Roys wunden Punkt will ich nicht reden - aber über meinen. Warum trifft mich das H-Wort so? Was habe ich dagegen? Kann ich nicht einfach mal Hausfrau sein?


Definition: Was ist eine Hausfrau?
Beginnen wir mit den Worten meiner Mutter, als ich ihr eröffnete, dass ich schwanger bin (mit 25). Meine Mutter ist eine erfolgreiche, sehr selbstbewusste und toughe Businessfrau, die im öffentlichen Dienst immer ihren Weg (nach oben!) gegangen ist und nebenbei Zeit hatte, einen Kunstverein zu gründen und zu leiten, zeitweise einen eigenen kleinen Handel nebst Ladengeschäft für Interior zu führen und nun die Musikerkarriere meines Vaters passioniert unterstützt. Ach ja - und zwei Kinder hat sie auch noch groß gezogen. Trotz Karriere und einer 40 Stunden + Arbeitswoche.

Ihre Worte waren: "Und das wars jetzt? Du willst nur Mutter sein? Was ist aus deinen Wünschen, aus deinen Träumen geworden?"
PENG!
"Ich bin schwanger" - das klang aus ihrem Mund, wie "Ich habe nur noch 1 Jahr zu leben".

Ich liebe meine Mutter - ich habe ihr diesen Satz nie übel genommen. Aber etwa in mir hat ihn sich zu Herzen genommen. Aber nicht nur diesen Satz, sondern ALLES was meine Mutter und viele, viele Frauen in unserem Bekanntenkreis und in unserer Familie ausmacht. Sie haben alle eine Karriere, ein Leben, einen Sinn außerhalb des Familienlebens geschaffen. Ihre Töchter - meine Freundinnen und Cousinen - sind zum Teil schon jetzt ihren Müttern dicht auf den Fersen in puncto Selbstverwirklichung. Wir sind alle Ende 20, die 30 kündigt sich laut und deutlich an: Karrieren, Selbstverwirklichung, Erfolg, ein regelmäßiges Einkommen - das haben sie alle. Familien - nun, die die noch kinderlos sind, arbeiten grade ganz fleißig daran ihre 30ger Jahre mit Kinderaufzucht zu verbringen (natürlich neben ihren Karrieren, persönlich und beruflich). 

Und ICH? Ich fühle mich, als hinkte ich hinter meinen Möglichkeiten weit hinterher. Ein Leben von Lob und Anerkennung liegt hinter mir. Großes wurde von mir erwartet. Ich habe auch viel ausprobiert, eine Menge tolle Chancen wahrgenommen, von Politik bis Medien über Aktien und Immobilien, IT und Architektur habe ich irgendwie alles mitgenommen und meist erfolgreich und zufriedenstellend abgeschlossen. Ich habe Großprojekte initiiert und unsere Investments angestoßen und begleitet, schwere und auch riskante Entscheidungen für die Familie gefällt und unser sowohl echtes als auch Familienbusiness wie ein Hardcore Manager betrieben. Ich habe durchaus ein paar Kämpfe ausgefochten. 

Aber wenn alle Messen gesungen, alle Investments getätigt, alle Projekte erfolgreich sind und die Kinder sich auch ohne viel Zutun prächtig entwickeln: Was bleibt dann?


Roy sagt, ich müsste einfach mein Talent (das Schreiben, sagt er) entfesseln und da so richtig loslegen. Mich endlich entfalten. Wenn man mit einem fast 20 Jahre älteren Mann zusammenlebt, dann wirken solche Sätze, wie: "Mach nicht den gleichen Fehler wie ich - lebe deine Träume, verwirkliche deine Talente!"

Aber sei mal erfolgreich mit etwas, das so wenig greifbar ist, wie Kunst? Das ist doch alles nur gusto - das ist nicht, wie Projekte akquirieren und abschließen, wie Kunden gewinnen, wie Ideen umsetzen und monetarisieren - das ist GLÜCK HABEN. 


Jetzt im November beginnt mein 3. Monat als "Künstlerin". Roy hat mich überzeugt: Hör auf zu studieren, hör auf dich mit Projekten wild zu machen, hör auf in die Karrieren anderer Leute zu investieren, hör auf andere Leute erfolgreich zu machen: LEBE DEINEN TRAUM!

Mein Traum? Ich wär gern erfolgreich. Wie meine Mutter zum Beispiel. Ich würde gern mit 60 auf mein Leben zurückblicken und sagen: "Man hab ich viel geschafft und bewegt. Man hab ich spannende Sachen bewegt. Und alles lief immer irgendwie gut. Ich habe alle Täler durchschritten und bin immer wieder auf einen Hügel geklettert, habe immer wieder meine Schäfchen ins Trockene geführt. Ich bin richtig gut. Richtig gut."
Keine Ahnung, ob sie überhaupt so von sich denkt - aber ich denke so von ihr. Ich bin stolz. Auf sie. Auf mich wäre ich auch gern irgendwann stolz. Aber geht das - als Künstler?


Und dann haut mir Roy das H-Wort um die Ohren. Weil ich seit 2 Monaten nicht mehr arbeiten muss, inzwischen nicht mehr studiere (auf seine überzeugende Überredungsarbeit hin) und mich nun  mindestens 3x die Woche wie eine echte Autorin von morgens bis 17 Uhr an den Tisch setze (wahlweise in mein Lieblingscafé das "Gargarin" hier im Prenzlauer Berg) und schreibe. Ich kann das, das macht mir nichts aus. Nebenbei schreibe ich auch diesen Blog, lese Bücher darüber, wie man eine Karriere als Autorin und Bloggerin (haha) beginnt und bilde mich eben irgendwie selbst weiter. Und ansonsten bin ich..... H ....

Eine H....

"Nur Mutter? Was ist mit deinen Träumen?"

Ja - ich bin momentan mehr Mutter als Träumer, mehr Mutter als Karrierefrau, mehr Mutter als Autorin...oder? Wie misst man das - woran? Wie viel mehr Mutter als Karrierefrau man ist? Meine Mutter war in meinen (kindlichen) Augen Vollzeitmama. Ich weiß von ihr, dass sie aus den Augen vieler Kolleginnen eine Rabenmutter war. Bei dem Job, bei der vielen Abwesenheit, bei der Karriere - muss ein Kind ja zu kurz kommen. Ich habe das nie so empfunden.

Und mein Kind? Unsere Kinder? Bin ich für sie Vollzeitmama? Meine Tochter klagt, ich sei zu oft weg. Ich kann nicht oft genug bei ihr sein. Mein Großer klagt, dass ich nicht jeden Tag für ihn koche. Er braucht warme Mahlzeiten. Salat und Suppen zählen nicht als Nahrungsquelle. Und Brot isst er nur in der Not. Mein Pflichtgefühl stresst mich damit, dass ich mich mehr um seine Schule und sein "jugendliches Leben" kümmern müsste. Dass ich verfügbarer, nerviger, anwesender sein müsste. Damit er in der Schule und überhaupt immer on-top bleibt. Und Roy? Der ist zufrieden. Mit mir. Vermutlich der einzige?

Vermutlich mache ich mich mit dem Hausfrausein so verrückt, wie mit der Vorstellung in 5 Jahren immernoch auf Publikum und Fans zu hoffen. Vermutlich ist Hausfrausein nicht so schlimm und unambitioniert, wie ich manchmal fühle, sondern so anspruchsvoll (bei Zeiten), dass ich nicht einmal jetzt schaffe, allen Wünschen und Bedürfnissen gerecht zu werden. Vermutlich ist Autorin sein, Künstlerin sein, auch nicht etwas, dass immer glatt und grade läuft. Alles braucht seine Zeit.

Es ist verrückt, wie einen manche Worte in eine Krise stürzen können. Und sei es noch so lächerlich. Ich schließe mit dem Gedanken - wie so oft - dass ich großes Glück habe mir über total belanglose Dinge den Kopf zerbrechen zu dürfen. Rückblickend habe ich viel geschafft und viel geopfert, um nun ein so entspanntes Leben leben zu dürfen. Ich habe mir den A**** aufgerissen - wirklich! Viel Einsatz gezeigt. Nun habe ich, was ich wollte. Zu 90% mindestens. Mal sehen, was ich mir für die restlichen 10% aufreißen muss... 


Welcome to the Elevator: We might reach the next level...or slightly drop one or two.
Je nachdem, wohin meine Reise geht. Ich wünsche euch eine schöne Woche!

P.S. Überdenkt eure "wunden Punkte". Überdenkt eure Verletzlichkeit! Wie viel Mücke steckt in euren Elefanten? Wenn ihr die Mücke entdeckt - entspannt euch. Ein bisschen. Einfach ein ganz kleines Bisschen. Am Ende sind wir nämlich alle schon da, wo wir sein wollen.